Julia Seeliger
  • Latent Rassistisch und einfach blöde: SPIEGEL ONLINE über Prostitution

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    30. October 2007 | Trackback | Internet ausdrucken
    scissors

    Mal wieder auf allerniedrigstem Niveau haut SpOn was raus – diesmal eine Reportage zum Thema Prostitution in Berlin, verfasst von Anna Reimann, die immer wieder durch reißerische Artikel auffällt, und Marie Preuß. Sex sells haben die beiden Redakteurinnen sich wohl gedacht, und den latenten deutschen Rassismus können wir dann auch gleich mal mitbedienen.

    Straßenstrich mit Dumpingpreisen, Zuhälter aus Osteuropa, jetzt auch noch ein Großbordell: In Berlin droht ein ganzer Kiez ins Elend der Billigprostitution abzugleiten. Die Szene wird immer aggressiver – die Anwohner verzweifeln.

    So die Einleitung, schön, da hat sich der Spiegel mal wieder als “Bildzeitung für Akademiker” bewiesen. Im Reportagen-Text geht’s genauso weiter, Reimann, Henrik M. Broders Schwester im Geiste, hackt noch einmal so richtig auf Rot-Grün herum.

    Doch in den vergangenen Monaten kamen immer mehr Mädchen, vor allem aus Osteuropa. Viel zu viele für die paar Straßenzüge – und jetzt soll an der Kreuzung Kurfürstenstraße/Potsdamer Straße in Berlin-Schöneberg auch noch ein Großbordell eröffnen. Ein rot-grünes Reformgesetz von 2002 hat die Sittenwidrigkeit der Prostitution abgeschafft und sie damit faktisch legalisiert; das Gesetz erleichtert es den Betreibern, ein neues großes Laufhaus zu errichten. Zugleich erschwert es der Polizei Ermittlungen im Milieu – immer seltener schafft sie es, gegen Zuhälterei strafrechtlich vorzugehen.

    Ich frage mich, wer denn eigentlich zu den Prostituierten geht – sind das auch die bösen Ausländer, oder sind es nicht vielleicht doch eher die Familienväter und Geschäftsleute aus West-Berlin? Schön in diesem Zusammenhang ein paar Zahlen, gefunden im “Thema des Monats August 2004” bei der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf:

    In Deutschland bezahlen 1.2 Mio. Männer täglich für sexuelle Dienstleistungen und es gibt ca. 400.000 Prostituierte; die Bedürfnisse sind klar. Das seit Januar 2002 bestehende Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten erkennt die Bordellbetreiberin als Gewerbetreibende an und nimmt der Prostitution die Sittenwidrigkeit.

    In der Bundesrepublik Deutschland bezahlen 1,2 Millionen Männer täglich für sexuelle Dienstleistungen. Hm, wäre nicht eher hier der Ansatzpunkt? Sexuelle Dienstleistungen scheinen ja schon etwas zu sein, was die breiten Massen in unserem Land in Anspruch nehmen. Könnte es nicht sein, dass es ein erster Schritt in die richtige Richtung war, der Prostitution die Sittenwidrigkeit zu nehmen?

    Hauptsache hetzen. Die einzigen, die sich aus fachlicher Sicht kompetent zum Thema hätten äußern können, haben das nicht in die Richtung, die sich Reimann und Preuß wohl gewünscht hatten, getan:

    Katharina Zetin von “Hydra”, einer Berliner Beratungsstelle für Prostituierte, hat noch keine genauen Informationen darüber, wie die Osteuropäerinnen genau nach Berlin gekommen sind und inwieweit Menschenhändler involviert waren. Die Polizei will sich zur Lage in der Kurfürstenstraße derzeit nicht äußern.

    Wie gesagt, mal wieder ein Beispiel für einen Hetz-Artikel voller Blödheit – eigentlich war ich in letzter Zeit gar nicht so unzufrieden mit dem SPIEGEL, aber das ist dann mal wieder zu viel. Klar, die Leser – ergo der Markt – verlangen Sex and Crime – ich dagegen würde mich wirklich freuen, wenn der SPIEGEL mal sachlich über Prostitution in Berlin berichten würde.

    Nach der Verabschiedung des Prostitutionsgesetzes ging man in Berlin nämlich dazu über, Prostitution über das Baurecht zu bekämpfen. Der TAGESSPIEGEL berichtete.

    Nach geltendem Baurecht dürfen innerhalb eines Wohngebietes keine sexuellen Dienstleistungen angeboten werden, da dies dessen “Charakter beeinträchtigt”, heißt es unter anderem in dem Gesetzestext. Im Klartext: Die Bordelle stören das Zusammenleben. Der Bundesverband für sexuelle Dienstleistungen sieht dies anders. Er gab eine Studie bei der renommierten Sozialwissenschaftlerin Beate Leopold in Auftrag. Diese überprüfte zehn der Betriebe und kommt laut “Morgenpost” zu dem Schluss: “Es gibt keine Hinweise auf Störungen. Die meisten Frauen arbeiten ohne Zuhälter – ohne Zwang und Gewalt.”

    Wer zu logischem Denken in der Lage ist, kann sich ja vorstellen, wie gerne Männer beim Puffbesuch erwischt werden wollen. Deswegen – wie wahrscheinlich sind “Störungen”, hm?

    RBB KLARTEXT vom 02.05.2007:

    Kerstin Berghäuser, Bordellbetreiberin
    „Mir wurden milieubedingte Begleiterscheinungen vorgeworfen. Und darunter versteht man Gewalt, Zwang, unter anderem grölende Freier, die vor der Tür stehen.“
    KLARTEXT
    „Und, gibt’s das hier?“
    Kerstin Berghäuser, Bordellbetreiberin
    “Nein, das gibt’s hier nicht. Auch klingeln die Freier nicht bei anderen Mietern. Das Publikum, das uns besucht, das sind sehr seriöse Leute, Geschäftsleute, die wollen unerkannt hier rein und unerkannt wieder rausgehen.“

    Auch der Bundesverband für sexuelle Dienstleistungen machte innerhalb der Baurechts-Vorgänge noch einmal deutlich, dass Prostitution nicht gleich Prostitution ist.

    “Warum sollen nahezu ausschließlich von Frauen gegründete und geleitete Bordelle geschlossen werden? Wer will uns in die Hände einer Mafia treiben, die ähnlich wie in Hamburg oder Frankfurt die Prostitution beherrscht?”

    Außerdem – nicht nur in Berlin im Gespäch – eine Pauschalbesteuerung von Prostituierten. Das wird aber den Bedürfnissen vieler Prostituierter gar nicht gerecht, geplant ist nämlich vielerorts eine viel zu hohe Pauschale – und wie in dem SpOn-Hetz- Artikel richtig angeführt wird, verdienen einige Prostituierte kaum etwas, manche kommen auf nicht mehr als 25 bis 30 Euro am Tag.

    Und zum Schluss noch ein Link zu einem viel besseren Beitrag zum Thema Prostitution in Berlin – vom RBB. Gut, dass es die Öffentlich-Rechtlichen gibt!

    Prostitution in Berlin – da denkt man an Frauen in hochhackigen Stiefeln und engen Korsagen an der Straße des 17.Juni oder in der Oranienburger Straße in Mitte. Doch das Hauptgeschäft spielt sich eher unbemerkt ab: in Wohnungen. Schätzungsweise 300 bis 400 solcher Wohnungs-Bordelle gibt es in Berlin. ….


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56 Responses to “Latent Rassistisch und einfach blöde: SPIEGEL ONLINE über Prostitution”

  1. Das Publikum, das uns besucht, das sind sehr seriöse Leute, Geschäftsleute, die wollen unerkannt hier rein und unerkannt wieder rausgehen.“

    SO isses – serieoese Leute lassen sich bekanntlich nur hoechst ungern bei ihrem Tun und Treiben beobachten ..

    grmmpf

  2. Jaja,

    hauptsache Erster sein bei den Kommentaren, was?

  3. jau ..
    so isses …

    Obgleich ich nie Bedarf an den dort angebotenen “Dienstleistungen” hatte – vor 25 Jahren gefiel mir die Potse wesentlich besser als heute …

  4. Hmm, diesmal muss ich aber mal ernsthaft und vorsichtig nachfragen: Warum ist der Bericht rassistisch? Ich denke du weisst wie ich zu dem Thema stehe, die nachfrage ist also ernst gemeint. Der Bericht ist schlecht, ja. Aber “rassistisch”? Ich weiss ja nicht.

    Dazu als Ergänzung, dass mich dieses Thema im Moment überall verfolgt: Zuerst hat RTl, dann Sat.1 berichtet. In einem grossen Boulevard-Magazin war was und jetzt im Spiegel. Naja, Medien-Hype halt.

    Nebenbei: Die Prostitution wurde sicherlich nicht erst 2002 legalisiert. Haarsträubend was die Reportin dort schreibt, ich merke mit den Namen von ihr. Ich selber lese schon lange nicht mehr ernsthaft Spiegel und noch selten SPON, lieber SZ, sowohl Print als auch Online. Es mag Zufall sein, aber seitdem Augstein tot ist, kommt mir Spiegel zunehmend wie eine bessere Bildzeitung vor.

  5. Ich finde das schon latent rassistisch, wie da im Zusammenhang mit Prostitution stets von irgendwelchen “Osteuropäerinnen” gesprochen wird. Und auch die Zuhälter stammen nicht ausschließlich aus “Osteuropa”. Das spaltet, das ist eine Tendenziösität, die Gräben aufreißt.

    Aber Jens, vielleicht hast du recht, der Artikel ist einfach reißerisch, schlecht und stellt die Prostitution in Berlin völlig falsch dar.

    Ich erinnere mich noch gut an die Autorin Reimann von dem auch im Hauptartikel verlinkten anderen Artikel.

  6. Ehrlich gesagt: Es liegt nicht in meiner Kompetenz, festzustellen, ob besonders viele Prostituierte aus MOE-Staaten kommen… das kann natürlich sein, allein aufgrund des Wohlstandsgefälles… eine ukrainische Prostituierte verdient in Berlin halt mehr als in Kiew. Es ist ja auch nix besonderes, das bestimmte Angebote in einer Ökonomie mehrheitlich von bestimmten sozialen und vielleicht auch ethischen Gruppen erbracht werden. Das mag an ökonomischen wie auch an sozialen Bedingungen liegen und hängt vor allem auch von den gesamtgesellschaftlichen Umständen ab. Deshalb kann man das thematisieren und das kann als Lösungsansatz für Probleme – wenn sie vorhanden sind – auch nützlich sein. Aber man sollte eine vermutlich belegbare Behauptung, dass z.B. vor allem MOE-BürgerInnen (ja, auch Männer!) als Prostituierte arbeiten nicht mit mit irgendwelchen Assoziationen, dass dies irgendetwas mit nationaler Zugehörigkeit zu tun hätte, verbinden… das wäre blind.
    Und was in der öffentlichen Diskussion in Deutschland oft zu kurz kommt – und da erinnert Julia richtigerweise dran – ist die simple Tatsache, dass es ein Angebot nur gibt, wenn eine Nachfrage vorhanden ist. Und die Nachfrage geht wahrscheinlich von Deutschen aus, denn ebenso simpel: Wenn nur Ukrainer die Dienste von ukrainischen Prostituierten in Anspruch nähmen, dann geschähe dies wohl in der Ukraine. Ergo, und das ist klar, nehmen Deutsche das in Anspruch. Übrigens genauso wie den ach so bösen Zigarettenschmuggel (Vietnamesen) und viele weitere Beispiele.
    Es ist eine deutsche Krankheit, für Entwicklungen, die nach dem öffentlich zur Schau gestellten Moralempfinden verwerflich sind, “die Ausländer” als Schuldige heranzuziehen. Und dabei übersieht man dann, dass eben die Deutschen solche Dienste in Anspruch nehmen und davon profitieren.
    Dem Spiegel-Artikel will ich das in dieser Deutlichkeit nicht vorwerfen, aber er differenziert nicht ausreichend.
    Ach, übrigens, Jens: Es stimmt tatsächlich: Seitdem Augstein tot ist und Stefan Aust das sagen hat, ist der Spiegel nicht mehr lesbar. Dann doch lieber die SZ, die ich im Abo habe… darf ich jemanden werben?! :-)

  7. Oh, Martin, ich bin wirklich beglückt und erfreut über deine Ausführungen, danke! Welch Lichtblick am späten Abend!

    Hab mir auch wirklich einige Mühe mit dem Artikel gegeben bzw. darin die Bemühungen meines bisherigen politischen Engagements in Berlin einfließen lassen. Das Tippen ging dann recht schnell. Nachdem ich den Schrott auf SpOn entdeckt und mich zwei Minuten aufgeregt hatte …

    Achja, die gute Süddeutsche haben wir in der WG schon.

  8. Danke Martin, die Argumentation ist gut und entspricht in etwa meinem Denken. Doch hat diese Argumentation eine Lücke: Du verbindest nämlich gerade soziales Gefälle mit Nationalstaaten. Das mag der Realität entsprechen, ich will es jetzt nicht bewerten, da ich nur auf die Argumentation als solche eingehe.

    Das Problem ist, wenn man sich darauf wirklich stützt, dass das soziale Problem ein Nationalstaaten-Problem wird. Will also jemand deine Argumentation nutzen, muss er schlusslogisch “Lösungen” dieser Probleme auf nationalstaatlicher Ebene suchen. Das Ergebnis: Probleme sozialer Natur werden wieder zu Problemen nationaler Natur. Und entsprechend sind die Lösungsansätze dann strukturiert.

    Für mich sinnvoller ist beispielsweise, darauf hinzuweisen, dass es auch innerhalb unserer Bundesländer starke Ströme gibt. Angeblich immer noch von Ost nach West im Allgemeinen, vor allem aber von Süd/Ost nach Süd. Und anders als mancher denkt, ist die BRD ja gerade nicht einheitlich: Im Osten verdient man z.B. immer noch weniger als im Westen. Statistisch zeichnet sich sogar ab, dass es ein Gefälle speziell für Frauen gibt, die in der einen Region mehr verdienen für die gleiche Arbeit als in der anderen (im Schnitt aber immer noch weniger als die männlichen Kollegen, aber lassen wir das).

    Am Ende komme ich zum gleichen Schluss: Der Blick bei sozialen Problemen auf Nationalstaaten hilft nicht. Und ja, es ist ein Problem, aber nicht alleine der Deutschen, gerne mal Minderheiten für eigene Probleme verantwortlich zu machen (Das findest du in jeder sozialen Gruppierung die aus einem Mainstream und Minderheiten besteht).
    Das dürfte vor allem daran liegen, dass die Vertreibung und Stigmatisierung der Minderheit einfacher erscheint, als das mitunter komplexe Problem wirklich zu lösen.

  9. Frau Schwarzer darf jetzt auch noch ihre Meinung bei SpON los werden: “Die Freiwilligkeit ist ein Mythos”

  10. Danke Max,

    was geht denn bei denen ab?

    Das ist kein Journalismus, das ist Meinungsmache. Und mit einem Engagement für Frauenrechte hat derart diskriminierender Dreck ebenfalls nichts, aber wirklich gar nichts zu tun!

  11. Hmm, gerade hatte ich was zu Fr. Schwarzer geschrieben und sehe erst jetzt diesen Artikel. Mist. Mal sehen ob ich es noch aufnehme – übrigens wieder der fatale Irrtum, dass die Prostitution 2002 legalisiert wurde, es ist unfassbar. Ich schreibe nachher mal was zu dem Gesetz selber.

  12. Hmmm.. “diskriminierender Dreck”? Vielleicht solltest Du den Artikel erstmal selbst lesen. Wer wird denn von Frau Schwarzer diskriminiert, Deiner Meinung nach?

  13. Hmmm.. “diskriminierender Dreck”? Vielleicht solltest Du den Artikel erstmal selbst lesen. Wer wird denn von Frau Schwarzer diskriminiert, Deiner Meinung nach?

    Das kann ich dir genau sagen. Alice Schwarzer vertritt schon seit längerem Positionen, die nicht mehr als differenziert gelten können. So hetzt sie gegen Muslime, und in diesem Fall hetzt sie gegen die Prostitution an sich – was ich für inhaltlich falsch halte, siehe mein Artikel – und das rot-grüne Prostitutionsgesetz.

    Von einer Person, die sich für die BILD einspannen lässt – und die BILD ist das Gegenteil von einer Speerspitze der Emanzipation! – ist, wie frau immer wieder lesen muss – in Richtung ernsthafte Gleichstellungspolitik nicht mehr viel zu erwarten.

    Schwarzer lässt einfach nur Schwarz-Weiß-Denken ab, das nichts für die Situation der Prostituierten verbessert.

  14. Das ist halt das “Seuche Cannabis” und “Verspargelung der Landschaft” Magazin …

  15. Ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen Prostitution sein darf – auch gegen Prostitution “an sich”.

  16. Ich bin durchaus der Meinung, dass man gegen Prostitution sein darf – auch gegen Prostitution “an sich”.

    Wenn es auf Basis von Argumenten ist, ja. Ansonsten kann ich das nicht als ernsthafte Meinung im Diskurs hinnehmen.

    Das ist halt das “Seuche Cannabis” und “Verspargelung der Landschaft” Magazin …

    Max, das ist kein Argument!

    Man muss diese Ideologie-Kacke kritisieren! Ich bin gerade dran, das journalistisch und politisch zu begleiten. Werde hoffentlich dazu später noch ein Interview mit wirklich kompetenten GesprächspartnerInnen in mein Blog stellen – wenn das klappt, und die heute Zeit haben, das zu bearbeiten.

    Hoffentlich!

  17. Danke, endlich mal eine deutliche Aussage zu Fr. Schwarzer von jemandem, der nach meinem oberflächlichen Eindruck durchaus als emanzipierte junge Frau bezeichnet werden kann (die zudem bei den Grünen ist).

    Ich sehe bei Fr. Schwarzer klar, zumindest teilweise, ein Rollenbild der Frau vertreten, das heute in der BRD schlicht überholt ist. Dazu kommen tatsächlich seit einiger Zeit, sagen wir mal sehr kritisch zu sehende, Äusserungen die etwas von Vorurteilen zu haben scheinen.

    BTW: Ich suche immer noch Grüne, die den Mumm haben sich an das Thema “Männerpolitik” zu wagen. Die bisherigen Zuschriften sind entweder von ausserhalb der Partei oder “trauen sich noch nicht”.

  18. Das kann ich dir genau sagen. Alice Schwarzer vertritt schon seit längerem Positionen, die nicht mehr als differenziert gelten können. So hetzt sie gegen Muslime, und in diesem Fall hetzt sie gegen die Prostitution an sich – was ich für inhaltlich falsch halte, siehe mein Artikel – und das rot-grüne Prostitutionsgesetz.

    Von einer Person, die sich für die BILD einspannen lässt – und die BILD ist das Gegenteil von einer Speerspitze der Emanzipation! – ist, wie frau immer wieder lesen muss – in Richtung ernsthafte Gleichstellungspolitik nicht mehr viel zu erwarten.

    Schwarzer lässt einfach nur Schwarz-Weiß-Denken ab, das nichts für die Situation der Prostituierten verbessert.

    Welch differenzierte Argumentation. Das Glashaus laesst gruessen.

  19. Welch differenzierte Argumentation. Das Glashaus laesst gruessen.

    Soll ich den ganzen Artikel noch mal in die Kommentare schreiben, oder was?

    Ich kann nur nochmal wiederholen: Schwarzer hetzt, Reimann hetzt, sie vertreten nahezu deckungsgleiche Positionen, die ich nicht teile. Warum? Die Argumente finden sich in dem Artikel, den ich gestern verfasst habe.

    Du musst nur hochscrollen.

  20. Danke, endlich mal eine deutliche Aussage zu Fr. Schwarzer von jemandem, der nach meinem oberflächlichen Eindruck durchaus als emanzipierte junge Frau bezeichnet werden kann (die zudem bei den Grünen ist).

    Jetzt mal die Grünen nicht so schlechtreden!

    Alle grünen Frauen, mit denen ich heute bezüglich des Schwarzer-Interviews telefoniert habe, stimmten meiner Einschätzug, diese Frau sei irgendwo hängengeblieben, zu.

  21. ..Julia, man darf sich fragen, warum du dich so aufregst, es ist fraglos so, dass der Spiegel-Artikel das Bild der boesen Osteuropaer und des ‘Lohndumpings’ und Sittenverfalls durch ‘auslaendische Arbeitskraefte’ zeichnet, siehe NPD, aber das darf doch beim Spiegel nicht mehr verwundern. A. Schwarzer mag in einigen Themen voellig danebenliegen, etwa in ihrem Kulturrassismus Muslime betreffend, beim Thema Prostitution hat sie allerdings einen nicht zu unterschaetzenden klaren Blick fuer die nicht ganz seltene Realitaet der Frauen darin, und ich hatte nicht den Eindruck, dass sie es an dieser Stelle ist, die versucht, Prostitution und Patriotismus zu propagieren.

    Es ist offenbar, dass es in diesen Fragen keine endgueltige Kalerung der Dialektik von Zwang und Freiwilligkeit, von gesellschaftlich sublimerter patriarchaler Macht und Frauenbewegung gibt, die Prostituierte steht zwischen all diesen Polen wie ein alliierter Deserteur nach der Landung in der Normandie, deshalb ist zumindest Schwarzers pointierter Sichtweise auf nicht-offene Machtverhaeltnisse in der Gesellschaft, die zu Ausnutzung in der Prostitution fuehren, Respekt zu zollen.

    Sie verweist ja gerade, zumindest nach dem was ich dort ueberfliegend wahrnahm, auf den dialektischen Umstand, dass Legalisierung und gesellschaftliche Akzeptanz Machtverhaeltnisse in einem Umfeld von deren ungleicher Verteilung vertiefen kann. Ist dir eigentlich klar, dass es tatsaechlich auch innerhalb der Prostitution eine ‘Skala’ von Zumutbarkeiten und Fremdbestimmungen gibt, die ganz zweifellos mit der ‘aesuseren Abhaengigkeit’ korrelieren, wenn diese fuer illegale oder aus Osteuropa stammende Prostituierte hoeher ist, liegt Schwarzer zumindest nicht falsch, darauf hinzuweisen, auch wenn ihr Ziel die allgemeine Aechtung der Prostitution ist, das ich nicht teile.

    Ich darf hier kurz erwaehnen vor einigen Jahren per gewaehlter Nummer in einem hippen Stadtmagazin eine jener ‘polnischen Prostituierten’ in meine etwas chaotische damalige Wohnung transferiert zu haben, sie war bei weitem nicht das aengstliche Haeuflein Elend, dass evtl. Schwarzer kennzeichnet, es war auch nicht gerade billig, 90 euro, sie wohnte in einer Prenzlauer Berger WG; aber sie war auch alles andere als frei, ihr Zuhaelter stand mit dem Wagen vor der Wohnung, sie hatte nicht die geringste Moeglichkeit, unser Zusammensein etwa abzulehnen, erst einmal in der Tuer stehend und sie tat mehr oder weniger das, was jede deutsche Prostituierte wohl ablehnen wuerde: ‘girlfriend sex’ zu simulieren, auch wenn sie es ablehnte, auf den Mund gekuesst zu werden. Nebenbei gesagt hatten wir am Ende keinen ‘eigentlichen’ Sex, das Kondom blieb unbenutzt, nur es war ein seltsames Gefuehl, dass ich ihr etwa sagen konnte: ‘dreh dich um’ und sie drehte sich, liegend, um, natuerlich ist das eine ‘Form’ von Sklaverei, mir schien das damals so, auch wenn all das menschliche Zuege trug. Wir ueberzogen am Ende ein paar Minuten, sie fragte per Handy nach, die Reaktion schien unerfreulich: sie hatte Angst, man kann sich an drei Fingern abzaehlen, dass hier auch Machtverhaeltnisse involviert waren. Ich denke also nicht, dass Schwarzer voellig daneben liegt, vielleicht ist fuer sie die Vorstellung von voelliger Freiwilligkeit, die es ja gibt, erschreckend, aber sie kennzeichnet sicherlich auch Aspekte der Realitaet, die Julia eher aus politischen, weniger aus menschlichen Greunden, ausblendet.

  22. Es ist eine deutsche Krankheit, für Entwicklungen, die nach dem öffentlich zur Schau gestellten Moralempfinden verwerflich sind, “die Ausländer” als Schuldige heranzuziehen. Und dabei übersieht man dann, dass eben die Deutschen solche Dienste in Anspruch nehmen und davon profitieren. Dem Spiegel-Artikel will ich das in dieser Deutlichkeit nicht vorwerfen, aber er differenziert nicht ausreichend.

    Das hat Martin weiter oben geschrieben – ich fand das sehr treffend.

  23. “Jetzt mal die Grünen nicht so schlechtreden! ”

    Ich rede die Grünen nicht schlecht. Ich habe nur das Frauenstatut gelesen und beobachte wie es bei Wahlen intern abläuft, da gibt es wenig schlecht zu reden. Für einen Juristen der Gleichberechtigung und Demokratie ernst nimmt, sind das schon dicke Brocken die man da serviert bekommt.

  24. Nun, Jens

    Ich rede die Grünen nicht schlecht. Ich habe nur das Frauenstatut gelesen und beobachte wie es bei Wahlen intern abläuft, da gibt es wenig schlecht zu reden. Für einen Juristen der Gleichberechtigung und Demokratie ernst nimmt, sind das schon dicke Brocken die man da serviert bekommt.

    ich schreibe mal nen Artikel zu Feminismus – Gender – Queer, das alles gemixt mit den bündnisgrünen Strukturen. Da werden wir das dann alles durchdiskutieren. Hier passt das jetzt nicht optimal …

  25. ..nun Julia, du siehst, dass die ‘Maennerrechtler’ diejenigen sind, die sich mit dir gegen Schwarzer verbuenden. Im uebrigen wuerde es auch der NPD schmecken, diese Dichotomie ‘deutsche Maenner’-‘polnische Frauen’ zu etablieren, wenn auch mit anderem Vorzeichen. Wie ein Vorrredner schon betonte, kann es aber nur darum gehen, soziale Zwangslagen und Machtungleichheiten zu kennzeichnen, das ungefaehr tut Schwarzer, und hierin ist sie keine Patriotin, sie ist Feministin.

  26. Ja, sie ist Feministin.

    Sie tritt aber äußerst radikal auf, und ich meine, dass dies der Sache in diesem Fall (und auch in anderen Fällen) nicht sinnvoll ist.

    Derartige Argumentationen, wie Schwarzer und Reimann sie anführen, finden sich auch bei der Legitimation des Afghanistankrieges und bei Pöbeleien gegen Menschen islamischer Religionszugehörigkeit.

  27. .. mir sind Schwarzers Argumente hierin durchaus bekannt, Julia, und ich teile sie vor allem darin, wo sie darauf hinauslaufen, sich vor allem Frauen gegenueber am Ende auf gewollte oder ungewollte Weise nachteilig auszuwirken, nicht. Man muss sich aber fragen duerfen, welche Stimme in grundlgegenden Abhaengigkeitsverhaeltnissen befindliche Prostituierte -egal welcher Herkunft, das betont Schwarzer ja selbst- in Deutschland haben, und sie ist zumindest eine dieser Stimmen, auch wenn man ihre radikalen Ziele unpassend finden kann. Abgesehen von ihrem letzten Satz, der die Aechtung der Prostitution als solche betrifft, sind ihre Aussagen im Spiegel klasssische feministische Argumentationen und zeugen davon dass sie die Realitaet vieler Prostituierter offenbar kennt.

  28. “Da werden wir das dann alles durchdiskutieren.”
    Danke, auf sachlicher Ebene fände ich das sehr schön

    “nun Julia, du siehst, dass die ‘Maennerrechtler’ diejenigen sind, die sich mit dir gegen Schwarzer verbuenden”

    Also zuerst mal sehe ich hier nur einen: Mich. Warum also Plural? Weiterhin bin ich nicht Maennerrechtler, sondern ich bin Bürgerrechtler und als solcher stehe ich für Gleichberechtigung. Chauvinismus, auch bzgl. Frauen, lehne ich ab. Aber Frauenpolitik ist sinnvoll, so wie Männerpolitik. Nur dass es letzteres nicht gibt.

    Mit der Tatsache, dass ich Fr. Schwarzer mitunter sehr fragwürdig in ihren Äusserungen finde, hat das wenig zu tun. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass Fr. Schwarzer ein wenig “unberührbar” ist, weil man mit einer Kritik an ihr scheinbar gelichzeitig auch den Feminismus kritisiert. Das aber liegt mir fern.

  29. Allein dass Schwarzer und Reimann – offenbar nur, weil sie im selben Blatt zum selben Thema schreiben(?)- in einen Topf geworfen werden ist total daneben – aber egal, hier ein Buchtip:

    Der Minusmann. Heinz Sobotta. ISBN 3453011112

  30. Allein dass Schwarzer und Reimann – offenbar nur, weil sie im selben Blatt zum selben Thema schreiben(?)- in einen Topf geworfen werden ist total daneben

    Äh nein.

    Ich zB schreibe ja auch zu diesem Thema. 😉

    Ich “werfe die in einen Topf”, weil ich da dieselbe Weltanschauung beobachte. Schwarzer hat übrigens nicht bei SPIEGEL ONLINE geschrieben, sondern ein Interview gegeben. Besagter Frau Reimann.

  31. Die zwei Probleme mit Alice Schwarzers Meinung zu Prostitution sind erstens ihr moralisch begründeter Standpunkt, dass Prostitution per se abzulehnen, weil frauenverachtend ist und sie aber zweitens in der Frage zun Umgang mit real existierender Prostitution keine Empirie zulässt, weil ihre Argumentation strikt moralisch ist.
    Sie unterscheidet also nicht zwischen freiwilliger & selbsständiger, freiwilliger & unselbstständiger und Zwangsprostitution, sie lässt Hurenselbstorganisationen nicht gelten und diffamiert sie als studentinneninfiltrierte Selbsterfahrungsgruppen. Sie interessiert sich (genau wie die SchwedInnen) nicht für die Folgen der Illegalisierung von Angebot oder Nachfrage von Prostitution, sondern schwebt, moralisch unangreifbar, über den Dingen.
    Tatsächlich ist es so, dass nur eine Legalisierung von Prostitution Handhabe zum Schutz vor Ausbeutung und Rechtlosigkeit bietet. Dunkle Ecken ziehen fiese Typen an, Tabuisierung fördert Gewalt und Missbrauch.
    In Schweden bspw. müssen die Huren alleine rumstehen und blitzschnell entscheiden, ob sie zu dem Typen ins Auto steigen und sonstwo hinfahren. Das macht diese verletzlichen Frauen zu noch leichteren Opfern für Sadisten.
    Am schlimmsten ist eh die ungebrochene Nachfrage nach Zwangsprostituierten und drogenabhängigen Huren, mit denen man alles machen kann. Das entscheidende ist doch: Gerade weil die Freier deutsche Männer sind – und zwar Freunde, Väter, Brüder, Söhne – haben wir als deutsche Gesellschaft diesen Frauen gegenüber eine Bringschuld. Aber das kostet natürlich und darüber zu schreiben, ist nicht reißerisch und auch nicht blütenweiß rein…

  32. Die Freier von Huren sind Maenner, thats right, und es sind (vermutlich mehrheitlich) auch deutsche Maenner, aber nicht alle deutschen Maenner und nicht nur deutsche Maenner.

    Gibts dazu eigentlich irgendwo eine verlaessliche Erhebung?

  33. So hetzt sie gegen Muslime, und in diesem Fall hetzt sie gegen die Prostitution an sich – was ich für inhaltlich falsch halte,

    Ihrem Kampf gegen Islamfaschismus finde ich mehr als notwendig. Bei den ganzen kulturrelativistischen VerharmloserInnen vermisse ich den Einsatz für die Frau im Islam.

    Auch sonst stimme ich im Prinzip mit Alice Schwarzer überein, kann mich aber an vielen Punkten reiben, z.B. bei Schuluniformen, teils bei Pornos und insbesondere bei Prostitution. Da schadet nämlich ihr Ansatz und ihre Geflirte mit den Rechtsspießern letztlich nur den Prostituierten.

  34. Keine verlässlichen Erhebungen.
    Aber stastisch ist es sehr unwahrscheinlich, dass in all den Autos mit deutschem Kennzeichen, in all den Bordellen auf dem platten Land und in all den mit deutschsprachigen Anzeigen beworbenen Etablissements mehrheitlich nicht-deutsche Männer unterwegs sind. Zumal im deutsch-tschechischen Grenzgebiet bspw. ja auch noch deutsche Männer als Sextouristen unterwegs sind. Auch da schließen ExpertInnen vom Kennzeichen auf die Insassen.

  35. Dass die deutschen maenner (in Deutschland) die Mehrheit der Freier bilden, steht fuer mich ohnehin uasser Frage, schon deswegen, weil sie hierzulande auch die Mehrheit der maennlichen Bevoelkerung ausmachen, scheint das nahe zu liegen. Darum gings mir auch nicht. Aber es bringt ueberhaupt nix, die Nationalitaet noch besonders zu erwaehnen. Denn es geht hier nicht um ein nationales Phaenomen.

  36. Natürlich ist die Nationalität wichtig. Schließlich müsste das deutsche Ausländergerecht geändert werden, um den Zwangsprostituierten ein Aufenthaltsrecht zu verschaffen und es müsste hier viel Geld bewilligt werden, um Polizei, Gesundheits- und Hilfeorganisationen, aber auch die Justiz so auszustatten, dass sie Prostituierten besser helfen und ihnen mehr Schutz bieten können. Prostitution in Deutschland ist natürlich auch ein nationales Problem. Prävention in den Herkunftsländern verhindert ja nur zukünftige Opfer, aber hilft denen nicht, die jetzt schon hier sind.

  37. “dass in all den Autos mit deutschem Kennzeichen, in all den Bordellen auf dem platten Land und in all den mit deutschsprachigen Anzeigen beworbenen Etablissements mehrheitlich nicht-deutsche Männer unterwegs sind.

    Deutsche Kennzeichen findest Du an allen in Deutschland zugelassenen KfZ, damit ist noch nichts ueber die Nationalitaet der Besitzer, Fahrer oder sonstige Insassen gesagt.

    Das Auslaenderrecht hat mit der Frage, wer Frauen fuer Geld ficken will, ueberhaupt nichts zu tun und da wage ich mal zu behaupten, dass der deutsche Durchschnittsmann sich in dieser Hinsicht keineswegs besonders hervortut – das wars auch schon.

  38. Finde es gut, dass man hier so intensiv diskutiert. Zum Thema “Feminismus” und Alice Schwarzer sage ich jetzt mal nix, sonst kriege ich wieder einen drauf :-).
    Aber im Ernst:
    1.) Katja hat richtig festgestellt, und das muss hier herausgestellt werden, dass das grundsätzliche Problem von Alice Schwarzers Argumentation ist, dass sie Prostitution grundsätzlich als ein Problem der fehlenden Gleichberechtigung Frau/Mann sieht. Prostitution ist für Alice Schwarzer eine Frage des Geschlechts, in diesem Fall sieht sie Prostitution als Unterordnung der Frau gegenüber dem Mann und daher muss sie als Feministin das bekämpfen. Katja sagt nun richtigerweise, dass man differenzieren muss zwischen “ausbeuterischer Prostitution” (Zuhälter, Gewalt etc.) und “freiwilliger Prostitution”.
    2.) Ich sehe da auch nicht primär eine Geschlechterfrage. Was mir bei Schwarzer nämlich zu kurz kommt, ist die Feststellung, dass es Prostitution unabhängig vom Geschlecht gibt. Damit will ich jetzt keine “Männerrechte”-Diskussion aufmachen, auch wenn das mal ganz interessant wäre. Zurück zum Thema: Es gibt auch Männer die sich prostituieren, zum überwiegenden Teil wohl für schwule Männer, aber natürlich auch noch die verniedlichend so genannten “Callboys” oder “Gigolos”, auch wenn letztere wohl eher selten anzutreffen sind. Prostitution sollte m.E. eher aus der Perspektive der sexuellen Dienstleistung an sich betrachtet werden und da sollte nicht sofort ein feministisches Fass aufgemacht werden.
    3.) Sexuelle Dienstleistungen sind “das älteste Gewerbe der Welt”. Das ist nunmal so. Und man sollte sich damit arrangieren und rot-grün hat da einen guten Anfang gemacht. Allerdings ist natürlich ein Problem, dass sexuelle Dienstleistungen oftmals mit einem Über-/Unterordnungsverhältnis Kunde/ProstituierteR verbunden sind. Und das darf es eigentlich bei solchen privaten “Dienstleistungsverträgen” nicht geben, da schützen sogar nach Meinung des BVerfG die Grundrechte vor. Also: Prostitution okay, aber niemand darf dazu gezwungen werden oder sonstwie dadurch in Zwangslagen kommen, das betrifft gerade die Zuhälterei sowie Gewalt von Kunden. Die Realität sieht oftmals (aber bei weitem nicht immer) anders aus. Daran muss man ansetzen und nicht an einem grundsätzlichen Verbot der Prostitution, erst recht nicht aus einer pseudo-feministischen Perspektive.
    4.) Jetzt doch kurz zum Feminismus: Ebenfalls ein Problem von A. Schwarzer ist, dass sie aus feministischer Perspektive eben ein schwarz-weißes Dogma hat: Frauen sind Prostituierte und werden ausgebeutet oder sie sind keine Prostituierte. Damit verkennt sie aber – typisch für diesen konservativen Feminismus – dass es eben durchaus Frauen gibt, die das freiwillig machen und als ihren Beruf ansehen. Das lässt Schwarzer allerdings nicht gelten, und stellt dadurch ihr feministisches Dogma über die selbstbestimmte Entscheidung von Frauen, nach dem Motto: “Ihr glaubt zwar, dass ihr selbstbestimmt seid und nicht missbraucht werdet, aber ich weiß, dass ihr ausgebeutet und missbraucht werdet und deshalb liegt ihr falsch.” Das ist aus meiner Sicht des Pudels Kern, warum ein solcher dogmatischer Feminismus heute zu Recht Probleme hat. Daher finde ich es gut, dass er (an dieser Stelle) von emanzipierten FeministInnen *g* kritisiert wird.

  39. Achja, Jens, noch mal kurz zur Frage der Nationalität und der Herkunft der Prostituierten. Das ist für mich keine Frage der Nationalität selbst, sondern der Zustände in dem Land, wo Leute herkommen. Natürlich gibt es auch Disparitäten innerhalb Deutschlands, auch innerhalb von Städten. Es kommt halt auf die geographische Betrachtungsebene an. Aber grundsätzlich ist natürlich schon festzustellen, dass der Lebensstandard in MOE-Staaten (nicht überall, aber meistens) weit unter dem Lebensstandard in Deutschland liegt. Gerade Dienstleistungen wie Prostitution kosten in MOE-Staaten bedeutend weniger, das ist volkswirtschaftlich auch ganz logisch, allein aufgrund der Kaufkraft. Deshalb verdienen Prostituierte aus MOE-Staaten in Deutschland relativ viel. Wenn die hier ein paar Monate anschaffen, können die zu Hause für das hier verdiente Geld um einiges mehr kaufen, als in Deutschland. Und deshalb lohnt sich das auch für die so besonders. Es ist also keine Frage der Nationalität der der Prostitutierten, sondern der ökonomischen Disparitäten, die nunmal auf einer bestimmten Ebene mit Nationalstaaten gleichzusetzen sind.

  40. .. was genau ist das Argument in jenem: ‘deutsche Maenner’-‘nicht-deutsche Frauen’, das alles scheint mir etwas unklar, es geht um Machtverhaeltnisse, soziale Zwangslagen und Asymmetrien. Ich stimme mit Katja darin ueberein, dass eine umfassende Legalisierung die Differenz der Machtverhaeltnisse und die Abhaengigkeit der Frauen verkleinern KANN, darin liegt aber kein Automatismus und darauf verweist Schwarzer. Ich weiss auch nicht ob ihre Erwaegungen fern jeder Empirie sind, sie argumentiert auch in anderen Dingen zwar teilweise haarstraeubend konservativ-moralistisch, aber bei allem moralischen Dissenz werden ihre empirischen Betrachtungen von Sexarbeiterinnen in der Tendenz meist bestaetigt, ich zitiere dazu aus einem oesterr.
    Sexarbeiterforum,
    der Diskussion zwischen ‘Olaf’ und ‘annainga’, einer Sexarbeiterin, exemplarisch:

    “Der Trick aller Prostitutionsgegner ist halt immer, dass sie behaupten, niemand, wirklich niemand übte freiweillig und aus Überzeugung dieser Tätigkeit aus. (..) Diese Aussage muss wiederlegt werden und zwar durch glaubhafte wissenschaftliche fundierte Statistiken.”

    ‘annainga’ antwortet:

    “dann kennst du die beweggründe aber schlecht, die eine frau dazu bringen in die sexarbeit einzusteigen. denn die finanzielle notsituation ist grund nr.1 für 95 % aller sexarbeiterinnen.

    es gibt nur einige wenige, die sich mit dem beruf arrangieren, die genug selbstbewusstsein haben, um die nachteile langfristig in kauf zu nehmen. (..)

    ich habe in vielen clubs, bordellen, bars nicht nur im sauerland, sondern auch in siegen und bochum erfahrungen gesammelt. ein traumberuf ist es für die wenigsten, manche schaffen den sprung in die selbstständigkeit oder finden einen annehmbaren arbeitsplatz, aber der traum vom ausstieg ist bei der überwältigenden mehrheit zu finden. (..)”

    Die Gefahr scheint eben, die Konzepte der Aufklaerung in ihr eigenes Gegenteil zu zerdehnen, Prostitution als ‘voellig normalen’ Beruf einzustufen, kann auch in das proklamierte Gegenteil umschlagen, denn auch Kunden haetten dann Rechte an ihren Dienstleistern, der Warencharakter der Sexualitaet wuerde zum Objekt freier Gewinnspekulation und etwa der Boersengang globalisierter Sexualkonzerne nur eine Frage der Zeit. Im uebrigen gehoerte zu dieser Art von Legalisierung auch eine Entstigmatisierung der ‘Kunden’, davon scheint die Debatte aber ihrerseits-auf beiden Seiten- weit entfernt.

  41. Thomas Kurbjuhn

    Eure Kritik an dem Artikel ist ein gutes Beispiel für die Entfernung der Grünen vom Normalvolk. Natürlich sind nicht unwesentliche Teile dieses Normalvolks Kunden der Billigprostitution an der Kurfürstenstraße. Der Grund für den Aufruhr in den Medien scheint mir aber die in letzter Zeit zunehmende Belästigung von Anwohnern zu sein. Und dies nicht ernst zu nehmen, scheint mir typisch für die Grünen zu sein, deren Wohnungen wohl eher nicht in der Ecke Kurfürsten/ Frobenstr liegen.

  42. ..im uebrigen ist Metz auch hier zu widersprechen: die asymmetrischen Machtverhaeltnisse sind nur teilweise Ausdruck geographischer oder oekonomischer ‘Disparitaet’, die konkreten Ausformungen der Prostitution nach wie vor Spiegel der Gesellschaft und Manifestationskennzeichen des Patriarchats, die konkreten Bedingungen aber sind Gegenstand dieser Diskussion abseits der absoluten Positionen einer Alice Schwarzer. Die feministische Frage stellt sich nicht nur aus ‘sozioekonomischer’, sondern auch aus der gesellschaftlichen Perspektive: fuer viele Frauen ist auch heute noch, das wird aus gruener Perspektive evtl. nicht fuer moeglich gehalten, die Prostitution (unausgesprochen) die einzige Moeglichkeit, sexuelle Lebensformen jenseits der (klein)buergerlichen Ehe zu manifestieren, fuer Maenner die einzige Moeglichkeit, nicht-monogame Formen von Sexualitaet zu etablieren, das Zusammengehen von kleinbuergerlichen Sexualnormen und Prostitution wurde schon von Balzac et al. thematisiert und natuerlich war die Situation der Frau hierin immer eine andere als die des Mannes, in welchem Sinne sie anders ist, thematisiert der Feminismus.

  43. Dass die asymmetrischen Machtverhältnisse alleine die Ursache der sozioökonomischen Disparitäten wären, habe ich auch nicht behauptet. Es ging lediglich darum, warum (angeblich) so viele Prostituierte aus MOE-Staaten kommen.
    Was die Ausformung der Prostitution angeht, so gibt es eben nicht *die* Prostitution, sondern es gibt mehrere Formen, freiwillige und unfreiwillige, männliche und weibliche. Wie man das politisch behandelt, darüber wird hier gerade diskutiert. Dabei habe ich auf die m.E. vorhandenen Schwächen der feministischen Argumentation von Alice Schwarzer verwiesen (s.o.).

  44. Metz, falsche logische Richtung, ich habe nicht behauptet, Sie haetten behauptet, die ‘asymmetrischen Machtverhaeltnisse seien alleinige ‘Ursache’ soziooeknomischer Disparitaet’, ich hatte nahegelegt, sie haetten umgekehrt die ‘soziooekonomischen Disparitaeten’ als alleinige Ursache der ‘asymmetrischen Machtverhaeltnisse’ interpretiert, und genau das taten sie tendenziell, den feministischen Punkt dabei entwertend.

  45. @ dwnh Die Nationalitäten spielen m.E. eben doch eine Rolle: Ähnlich wie die deutsche Gesellschaft viel zu spät Verantwortung für die Integration der sogenannten Gastarbeiter übernommen hat, übernimmt sie jetzt keine Verantwortung für Sexarbeiterinnen und Zwangsprostituierte, die nach Deutschland kommen oder verschleppt werden, weil hier, hier vor Ort, ein riesiger Markt für sexuelle Dienstleistungen besteht. Ich bin immer noch der Meinung, dass die deutsche Gesellschaft eine Bringschuld gegenüber den Prostituierten hat, vor allem gegenüber denen, die hierhin verschleppt wurden. Menschenhandel funktioniert schließlich auch nach Angebot und Nachfrage – und offensichtlich ist Deutschland ein Abnehmerland für verschleppte Frauen und Kinder im Sexgewerbe.

    @Thomas Kurbjuhn: Ich wohne wirklich mitten auf St. Pauli, Prostitution ist hier allgegenwärtig. Damit kann man sehr wohl leben. Mit Prostitution ist es wie mit dem Tod, jeder weiß, dass es das gibt, aber bitte schön weit weg, bloß nicht bei mir in der Nachbarschaft. Was folgt denn aus dem SPIEGEL-Artikel? Es soll nicht in der Stadt sichtbar sein, aber auch nicht in großen Etablissements, nicht hier und nicht dort, überhaupt ist das irgendwie alles aus dem Osten und jemanden, der schon mal bei einer Hure war, kennt man sowieso nicht persönlich. Blablabla.

    @Hermes: Natürlich ist Prostitution kein völlig normaler Beruf. Es ist aber ein Beruf und keine eklige kriminelle Veranlagung. Schwarzer hat ja recht, dass es viel zu wenig Ausstiegsprogramme gibt, zu wenig Aufklärung in den Herkunftsländern (was auch an den Herkunftsländern liegt), dass Freier manchmal von pathologischem Frauenhass getrieben werden, dass Familienväter versuchen drogenabhängige Huren aufzugabeln, weil die es im Entzug auch ohne Gummi machen.
    Warum die Antwort auf diese Probleme aber die Rücknahme des Prostitutionsgesetzes sein soll oder eine (neue) Kriminalisierung – die Frage lässt Schwarzer jedesmal unbeantwortet.

  46. Martin (@39): Ich habe *nichts* zur Wahrheit der Aussage von Dir festgestellt, sondern nur zum argumentativen Konzept, mit den entsprechenden Folgen, wenn man dies konsequent weiter führt. Nicht mehr, nicht weniger. Der Rest deiner Aussage ist schlusslogisch und mir selbstverständlich klar.

  47. Die Nationalitäten spielen m.E. eben doch eine Rolle: Ähnlich wie die deutsche Gesellschaft viel zu spät Verantwortung für die Integration der sogenannten Gastarbeiter übernommen hat, übernimmt sie jetzt keine Verantwortung für Sexarbeiterinnen und Zwangsprostituierte, die nach Deutschland kommen oder verschleppt werden, weil hier, hier vor Ort, ein riesiger Markt für sexuelle Dienstleistungen besteht.

    Liebe Katja,
    es ist eben keineswegs so, dass man das Thema in “Gute Prostitution freier deutscher Frauen” und “schlechte Prostitution gezwungener Auslaenderinnen” einteilen koennte, Gewalt, Zwang, Unterdrueckung und Misshandlung gehen seit je mit diesen “Dienstleistungen” einher – und machen keineswegs vor irgendwelchen Nationalitaeten halt.

  48. Gewalt, Zwang, Unterdrueckung und Misshandlung gehen seit je mit diesen “Dienstleistungen” einher – und machen keineswegs vor irgendwelchen Nationalitaeten halt.

    Das ist die These “Prostitution kann nur Ausbeutung sein.”

    Zweitens würde ich von den BefürworterInnen dieser These gerne mal Vorschläge lesen, was sie konkret gesetzlich verändert haben möchten.

    Prostitutionsgesetz rückgängig? Freier bestrafen wie in Schweden?

  49. Allerdings ist natürlich ein Problem, dass sexuelle Dienstleistungen oftmals mit einem Über-/Unterordnungsverhältnis Kunde/ProstituierteR verbunden sind.

    Sind sie das? In der seriösen Prostitution sicherlich nicht häufiger als in anderen Gewerben. Niemand beklagt irgendeine Unterordnung des Handwerkers unter den Kunden, der stundenlang auf ihn warten muss 😉
    Dabei hat eine Prostituierte auch noch bessere Verdienstmöglichkeiten, die der durchschnittliche Handwerksgeselle legal niemals erreichen kann.
    Man denke an private Altersvorsorge ab dem 40. Lebensjahr (spezielle Huren-Policen)oder gar an den Luxusprostitutionsbereich mit Monatseinkommen wie die Bundeskanzlerin.

    @ Katja Husen: Schön, dass du wenigstens noch die Prostitution auf St. Pauli weiterhin erlauben willst, wo du doch mit Rauchen und Saufen so deine Probleme hast.

  50. ..jene zwei Paragraphen des Prost.-Gesetzes sind wahrscheinlich sehr angebracht, gleichfalls angebracht waere aber offenbar, den $180

    http://bundesrecht.juris.de/stgb/__180a.html

    so zu praezisieren, dass er in der Rechtspraxis zumindest ‘hier und da’ Anwendung findet, das ist wohl evtl. was Schwarzer kritisiert: die Unmoeglichkeit einer Handhabe gegen offenbare Ausbeutungsverhatlnisse. Inwieweit obiger $180 in das allg. Arbeitsrecht Aufnahme finden sollte etc. sollte vielleicht jemand berufeneres an dieser Stelle klaeren.

  51. Christoph, wieso musst du das jetzt auf die Ideologie-Ebene ziehen?

  52. In SPIEGEL Online findet sich heute die Erwiderung zum Beitrag von Alice Schwarzer, und zwar von Irmingard Schewe-Gerick, die weiland das Prostitutionsgesetz mit initiiert hat. Eine ihrer Thesen: An der Umsetzung durch die Länder hapert’s mal wieder.

    Wollte ich hier mal zur Information reinstellen, mal sehen, ob solche Aussagen wie “…asymmetrischen Machtverhältnisse alleine die Ursache der sozioökonomischen Disparitäten sind….” noch zu toppen sind.

  53. Wenn man Prostitution die Sittenwidrigkeit nimmt und ein Sozialsystem a`la Z-01 realisiert… bin ich sehr auf die Jobangebote für Frauen in den Arbeitsagenturen gespannt.

  54. ..niemand hat hier solche Aussagen getroffen, Fischer, im Gegenteil, um das zu wiederholen, sind die asymmetrischen Machtverhaeltnisse nicht allein Ausdruck soziooekonomischer Disparitaet sondern noch immer vorhandener, tiefliegender und transversal zum soziooekonomischen Aspekt wirkender subkritischer gesellschaftlicher Prozesse, ich weiss nicht ob ich mich hier unklar ausdruecke.

  55. @ Hermes

    nein, nein, völlig klar. ….

    (Ich werde mir diesen Beitrag nun doch ausdrucken, wenn ich dann nachher mit der S-Bahn nachhause fahre, habe ich was zum lesen und nachdenken dabei.)

    Ich freue mich über diese sachliche Diskussion hier, über die Wortgewandtheit vieler Autoren, die gedankliche Durchdringung komplexer Sachverhalte… ähm, worum ging es hier eigentlich? Naja macht nichts, wenn ich dann zuhause meinen PC einschalte, werde ich auf meiner voreingestellten Startseite, nämlich SPIEGEL Online bestimmt die Erwiderung zur Erwiderung von Frau Schewe-Gerick vorfinden, odaso.

  56. […] Auf SPIEGEL ONLINE findet sich mal wieder ein Kiff-Artikel. Langsam bin ich es leid, dieses tendenziöse Medium hier in meinem Blog zu nennen – das letzte Mal störte mich ja die tendenziöse Hetze von Schwarzer und Reimann. […]