zeitrafferin
Julia Seeliger-
17. Oktober 2007 | 21 Kommentare | Trackback | Internet ausdrucken

Wie nicht anders zu erwarten war, hat mich einer der nachfolgenden AutorInnen kritisiert. Georg Kammerer schreibt in Jungle World 41:
Allerdings muss man das dem Herren – so Julia Seeliger – nachsehen. Ist doch »›schneller, unverbindlicher Sex‹ für Männer eine attraktivere Option«, während Frauen, die »abseits von Zweierbeziehungen vögeln möchten, (…) das wohl mehrheitlich im Rahmen von ›romantisierten Freundschaften‹« tun. Vor allem das würde ich bezweifeln. Genaue Erhebungen liegen mir ebenso wenig vor wie Frau Seeliger.
Richtig, der Einwand musste kommen. Ich hatte das vermutet, weil ich – biologistisch oder nicht – der weiblichen Sexualität eine höhere Kompliziertheit unterstelle. Woher kommt denn das Gerede vom vorgetäuschten Orgasmus, und wie häufig tun Frauen das, wie häufig tun Männer das? Ich weiß, dass es auch Fälle gibt, in denen Männer das tun, ich habe davon gelesen. Ohne jetzt irgendjemand zu nahe treten zu wollen: Ja, ich meine, dass die weibliche Sexualität komplizierter ist als die von Männern. Wenn mir hier jetzt hundert supertolle, freundliche, emanzipative, softe, süße, komplizierte, Wimpster-Männer – mehr zu Wimpstern in der “Lust-Zeitschrift” und in der “GQ” – unter diesen Artikel hineinposten: “Hey Julia, ich bin auch kompliziert, wenn ich emotional blockiert bin, kann ich nicht kommen” und dazu noch Statements von (heterosexuellen) Frauen kommen wie “Ach, mein Sexualleben war von Anfang an total unkompliziert, alles total einfach, und vor allem wussten die Typen schon in der Schulzeit super Bescheid!” dann nehme ich das natürlich selbstredend zurück.
Harte Zahlen, die sich statistisch auswerten lassen, bieten die NutzerInnen-Zahlen in Dating-Börsen. Der geringe Anteil aktiver Frauen dort kann als Argument gelten, dass es in der Tat deutlich mehr Männer als Frauen gibt, die “schnellen, unverbindlichen Sex” suchen. Wenn in solchen Börsen mehr 20 Prozent Frauen aktiv sind, dann gilt das unter Insidern schon als “viel”. Nicht umsonst ist es deswegen üblich, dass Männer fürs Mitspielen zahlen müssen, Frauen aber kostenlos auf die Jagd gehen.
Immerhin hindert sie die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Gründe für die vermeintlichen moralischen Verfehlungen des Autors in seinem Geschlecht sucht, nicht daran, nur wenig später Geschlechterstereotypen als ein gesellschaftliches Hauptübel zu identifizieren. Was dann aber schon wieder relativ egal ist, denn an diesem Punkt sind Seeligers Ausführungen längst zur bloßen Aneinanderreihung von realpolitischen Forderungen und Gratisphrasen zusammengeschrumpft. Sogar für den mittlerweile obligatorischen Linkspartei-NPD-Vergleich findet die junge Grüne noch Platz. Für substanzielle Ideen und Anmerkungen zu Fragen moderner Beziehungsführung leider kaum.
Nun, es existiert ein Unterschied zwischen Rollenbildern und körperlichen Unterschieden. Männer und Frauen laufen deswegen auch nicht im 100-Meter-Lauf gegeneinander. Es gibt Differenzen, die man anerkennen muss, die Auswirkungen haben, mit denen man im täglichen Leben umgehen muss. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass ohne die Anerkennung dieser Differenzen keine wirksame Gleichstellungspolitik möglich ist; erst dann ist eine produktive Kritik an denjenigen möglich, die behaupten, dass Frauen für den Herd und das Babybett gemacht sind und Männer für die Lohnarbeit.
Zweitens wurde ich wegen “Monogamie ist keine Lösung” angefragt und wollte auch darüber schreiben. Im Vorgespräch hab ich auch darauf hingewiesen, dass die Parole sozial- und gesellschaftspolitisch aufzufassen ist und nur wenig mit “Freier Liebe” zu tun hat. Das tut mir ein bisschen leid für die Jungle World, aber nächstes Mal beschränke ich mich auf das eigentlich geforderte Thema – versprochen!
Multimedia: Wimpster bei Polylux
Der schüchterne Typ auf der Party zu sein, der in der Küche traurig dasitzt, der wird immer jemand kennen lernen …
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27. September 2007 | 9 Kommentare | Trackback | Internet ausdrucken

Jetzt isser online, und wohl auch unten in meinem Briefkasten: Der “Monogamie ist keine Lösung”-Artikel in der Jungle World.
Um all diesen Menschen, und nicht nur denjenigen, die sich für die verehelichte Kleinfamilie entscheiden, gerecht zu werden, muss sich eine Menge ändern. So ist ein Adoptionsrecht für Homosexuelle mehr als überfällig, Hartz IV muss einer individuellen Grundsicherung weichen, und das Ehegattensplitting muss durch eine individuelle Besteuerung der Einkünfte ersetzt werden. Teilzeit, Niedriglohn und damit auch Altersarmut sind immer noch weiblich. Zu dieser Diskussion gehört auch, sich endlich grundsätzliche Gedanken zu machen über eine Gesellschaft mit verbindlichen Beziehungen, eine Gesellschaft, in der ungleich Starke und »Ungleiche« miteinander solidarisch sind – und das jenseits biologischer Verwandtschaft und monogamer Ehe.
9 KommentareVertrauen und Verbindlichkeit sind auch die Schlüsselworte für die solidarische Gesellschaft von morgen. Familienpolitik ist, wenn fortschrittlich und modern, die Politik der Solidarität im Kleinen und nicht mehr wie bisher die Politik des Gebärens und Heiratens.
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25. September 2007 | 20 Kommentare | Trackback | Internet ausdrucken

In der kommenden Jungle-World wird ein Artikel zum Thema “Monogamie ist keine Lösung” von mir erscheinen. Das Ganze ist Teil der Diskussionsreihe “Disko”, die sich um Liebe, Beziehungen und den ganzen Rest dreht.
In diesem Artikel fokussiere ich mich aber mehr auf die Debatte, was unsere Gesellschaft zusammenhält, wie Ehe die Emanzipation bremst und öffentliche Daseinsvorsorge vs. neoliberale Entsolidarisierung an sich.
Ein Absatz dreht sich aber auch um Beziehungen, um Verbindlichkeit und Sexualität. Jetzt, schon vor dem Erscheinen des Artikels, wurde ich bereits von zwei Menschen – dem Redakteur und einer Freundin – angesprochen, die folgenden Satz nicht verstanden:
Auch wenn die Moderne zahlreiche Formen der Geburtenkontrolle – Verhütungsmittel, Abtreibung – hervorgebracht hat, kann dennoch gerade Sex mit einer Person, die einem vollends “den Kopf verdreht”, ein ganz besonders wunderbar lustvolles Erlebnis sein.
Ich postuliere eine “Entbiologisierung von Sex”, also die Entkopplung von Sexualität von Reproduktion. Moderne Verhütungsmittel können Krankheiten und Schwangerschaft verhindern, somit stünde einem rationalen Hedonismus im Grunde nichts entgegen. In der Moderne könnte die heimelige Zweierbeziehung, fortschrittlich, dem maximalen Genuss(konsum) weichen. Ich sehe aber einen Mehrwert in der romantischen Liebe, egal jetzt, ob in einer Zweierbeziehung oder in romantisierten Freundschaften, so wie von Blindow/Ommert in Jungle World 38/2007 vorgeschlagen. Auch wenn es in der modernen Gesellschaft also zu erwarten wäre, dass die romantische Liebe zugunsten eines rationalen Hedonismus, wie von Schott in Jungle World 35 postuliert, an Bedeutung verlieren würde, so ist dies in meinen Augen nicht zu erwarten. Ganz einfach: Qualität vor Quantität. Gefühl und Verstand.
Das passiert mir bisweilen, dass man Sätze von mir nicht versteht, weil ich nämlich die Hälfte davon als trivial in meinem Kopf behalte. Ich beachte dabei nicht, dass jeder Mensch anders denkt und somit auch gewisse Dinge noch mal erklärt werden müssen. Das ist mir übrigens auch in meiner Deutsch-Abiklausur passiert, wo ich stundenlang an dem “perfekten Text” arbeitete, der dann am Ende zu abstrakt und kondensiert war, so dass ich nur eine Drei dafür bekam, was mich nicht befriedigte.
Die Freundin, die besagten Satz nicht verstand, gab mir auch noch dieses Feedback:
… den Link zwischen Liebesbeziehung, der Rolle des Staates und der Solidarität … Ich finde das eine schöne Idee, diese Trias. Obwohl ich ideologisch beim Staat große Probleme habe, aber das ist eine andere Frage. Ich mag dein Argument.
“Monogamie ist keine Lösung” ist inhaltlich verwirrend, die dahinter stehende Debatte ist aber richtig und wichtig, und muss weiter ausgearbeitet werden. Das werde ich weiterdenken, dieser Artikel war nur ein weiterer erster Aufschlag. Die Idee ist gut, die Welt noch nicht bereit!
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3. September 2007 | 12 Kommentare | Trackback | Internet ausdrucken

Zum Familien- und Beziehungs-Thema gab es auch in der letzten Jungle World – das war die mit dem Simpsons-Mügeln-Cover – noch ein tolles Dossier.
Warum ist heute die Monogamie auch im linken Milieu die gängige Form der Liebesbeziehung? Ist es nicht fortschrittlicher, in puncto Freundschaft und Sexualität einen verantwortungsbewussten Hedonismus zu pflegen? Was an konformistischen und romantischen Beziehungsmodellen abzulehnen ist, warum Eifersucht dumm ist, welche Vorteile das »Fremdgehen« haben kann und wie wir dabei zu besseren Menschen werden, erklärt Oliver Schott
In diesem Dossier möchte ich mich einem zentralen Teil dieses Problemfeldes widmen, nämlich den Liebesbeziehungen. Ihnen wird von den meisten Menschen eine ganz herausragende Bedeutung für ihre Lebensentwürfe und ihr individuelles Glück beigemessen. Doch das Maß an theoretischer Reflexion und praktischer Anstrengung, das der emanzipatorischen Gestaltung dieses Bereichs gewidmet wird, steht zu dieser immensen Bedeutung in keinem Verhältnis.
Die oft halbherzigen und meist verblendeten Kommune-Experimente jener Zeit sind heute billige argumentative Munition im Kampf gegen alle Versuche unkonventioneller Beziehungsführung, sowohl in den Händen der Konservativen, die noch immer die christliche Ehe für allein seligmachend halten, als auch in denen jener alt gewordenen Ex-Linken, die sich angesichts ihrer Kapitulation vor dem Konformismus auf die vermeintliche Natur der Dinge berufen und jede Kritik an dieser Diagnose als ideologische Verblendung abtun.
Auch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung fand sich ein Artikel zum Wandel von Beziehungsmodellen: Casual Sex: Das neue Spiel mit der Intimität.
12 KommentareEs ist mehr als ein One-Night-Stand und weniger als eine Affäre, wobei es vor allem anders ist. „Casual Sex“ nennen es die Briten und sind zu beneiden, weil ihre Sprache so schillert und sich, wenn nötig, der Eindeutigkeit entzieht. Gelegenheitssex. Irgendwie ungezwungen. Beiläufig. Lässig. Und dabei so unendlich viel geschmeidiger, spielerischer, sympathischer und moderner als das Vokabular, dass einem hierzulande begegnet: Seitensprung. Erotisches Abenteuer. Fickbeziehung. „Das ist keine Mode“, sagt der Sexualwissenschaftler und Psychologieprofessor Ulrich Clement über seine Beobachtung, dass es auch in Deutschland immer häufiger undefinierte Beziehungen gibt. „Das ist wirklich etwas Neues. Das ist eine neue urbane Kultur.“
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Verschlagwortet: jungle world, monogamie ist keine lösung, sex
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