Julia Seeliger
  • Models im Drogensumpf

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    15. May 2008 | Trackback | Internet ausdrucken
    scissors

    Jetzt muss ich mich outen: Mit anderen emanzipierten Frauen schaue ich regelmäßig “Germanys next Topmodel”, jene verwerfliche, radikal lookistische und kapitalistische Sendung mit der platinharten Heidi Klum.

    Eine meiner Lieblingskandidatinnen – da sind wir in der Gruppe allerdings uneinig – nämlich die nervige, aber immer wieder überraschende Gisele, soll mit Drogen zu tun haben

    Jetzt scheinen ihre Probleme ernstzunehmender als das gestrenge Urteil von Jurorin Heidi Klum. Die 20-Jährige soll vor drei Jahren von der Realschule “Hoher Weg” in Goslar geflogen sein, weil sie Haschisch konsumiert und an jüngere Schüler verkauft haben soll. (…) Zudem verdächtigt eine Topmodel-Kandidatin ihre Konkurrentin Gisele, während der Dreharbeiten Joints geraucht zu haben.

    Inzwischen hat Gisele zu den Anschuldigungen, sie hätte Drogen an Siebtklässler verkauft, geäußert: “Ich habe nie gedealt. Gegen diese Vorwürfe werde ich juristisch vorgehen.”

    Drogenkonsum, das nur mal zur Klarstellung, ist nicht strafbar.

    So oder so: Für heute abend ist eine knallige Schelte von Sauber-Heidi zu erwarten. Drogen und Modelbusiness? Aber nein, die Mädels sind doch sauber wie der Radsport!

    Kate Moss Kokian Cocaine

    Models und Drogen: Mein Liebligsmodel Kate Moss beim Ziehen.

    Heidi räumt auf Spiegel Online allerdings ein, auch selbst Drogen konsumiert zu haben – sogar so harten Stoff wie Alkohol:

    SPIEGEL: Haben Sie jemals Drogen genommen?
    Klum: Ja!
    SPIEGEL: Was denn?
    Klum: Bier, Wein, Zigaretten. Die härteren Sachen sind nicht meine Welt.

    Das passt gut zu der Glitzer-Show: Was staatlich erlaubt bzw. gesellschaftlich anerkannt ist, kann nicht “hart” oder gar “gefährlich” sein. Kriminell und krank sind nur die, die “Alternativ-Drogen” konsumieren, die abseits des Mainstreams sind. Das Salvia-Verbot ist nur ein weiterer Beleg für die Irrationalität der heutigen Drogenpolitik.

    Die Nachricht um Gisele macht ein weiteres Dilemma der aktuellen Drogenpolitik deutlich: Jugendschutz wird verhindert, denn in Zeiten der Prohibition ist eine Kontrolle nur schwer möglich. Auch Prävention bei Jugendlichen, sprich: Gespräche über eventuelle Drogenprobleme und eine Erziehung zu Drogenmündigkeit, wird durch die Illegalisierung von Cannabis stark erschwert. Wir haben, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen, für die diesjährige Hanfparade das Motto: “Jugendschutz – Verbraucherschutz – Legalisierung” gewählt:

    Wie soll eigentlich in der Schule über Cannabis aufgeklärt werden? Schwierige Sache für die Lehrer – ist ja illegal. Der beste Weg, um keine Probleme mit dem Kiffen zu bekommen, ist der, sich umfassend über die Droge Cannabis zu informieren. Über verbotene Probleme jedoch lässt es sich schwer sprechen. Wer hat schon das Glück, dass er mit seinen Eltern ruhig und vernünftig übers Kiffen sprechen konnte? Viele wissen nicht einmal, wo sie sich anonym Hilfe holen könnten. Die Prohibition verhindert einen problemorientierten und rationalen Cannabis-Diskurs – damit muss endlich Schluss sein!

    Und noch was ganz anderes aus der Drogenprohibitions-Nebenwirkungs-Ecke: In Mexiko starben allein im Jahr 2008 schon 1400 Menschen durch Drogenkriminalitätsdelikte.


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55 Responses to “Models im Drogensumpf”

  1. > Und noch was ganz anderes aus der Drogenprohibitions-Nebenwirkungs-Ecke: In Mexiko starben allein im Jahr 2008 schon 1400 Menschen durch Drogenkriminalitätsdelikte.

    Und ebensoviele in Deutschland aufgrund der Drogenverbotspolitik … auch wenn die CDUCSU glaubt: “Jeder, der Hilfe braucht, erhält sie” … Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich ja lachen :/

  2. Heidi Klum » Models im Drogensumpf

    […] full article […]

  3. “Bier, Wein, Zigaretten. Die härteren Sachen sind nicht meine Welt.”

    Aha, also lieber kein Heroin und Kokain, aber wie wäre es mit Cannabis, LSD oder Ecstasy, die sind weniger “hart” bzw. die Quelle Development of a rational scale to assess the harm of drugs of potential misuse. (ist, glaube ich, nach kostenloser Registierung bei Lancet öffentlich zugänglich)

  4. Platinhart, das ist eine sehr euphemistische Beschreibung “unserer” Heidi. Eiskalt, herzlos und schadenfroh sind wohl die passenderen Attribute.

  5. Platinhart passt aus meiner Sicht genau: Hart, blond, teuer.

  6. Wäre Frau Klump nur hart, wäre ja alles in bester Ordnung. Nur empfinde ich sie als härter als hart, eben als herzlos und gefühllos.

    Außerdem nervt mich ihre Tussi-Art immer mehr.

  7. Außerdem nervt mich ihre Tussi-Art immer mehr.

    Aber nein, das gehört doch alles ins Sendekonzept! Ich find’s genial, wie sie immer hardcoremäßig, zwar in der Trendenz vorhersehbar, aber dennoch dann noch mal überraschend fies und direkt ihre Bemerkungen raushaut!

    Sie müsste eine gemeinsame Sendung mit Dieter Bohlen machen, das würde passen vom Kaliber.

  8. ihr schaut eindeutig zu viel tv. lieber ne kate-moss-benefiz-demo organisieren!

  9. “Für heute abend ist eine knallige Schelte von Sauber-Heidi zu erwarten” – mag sein, aber nicht wegen der Drogen-Sache. Die Sendung wird nicht live ausgestrahlt, sondern rund zwei Wochen vorher aufgezeichnet.

  10. Wieso, ist doch perfekt inszeniert.

  11. Wieso zuviel? Ich habe Donnerstags Landesvorstandssitzung, danach will ich Ruhe und ich gehe fernsehen. Lohnt sich zum Glück ja auch: GNT, Extra3, Polylux.

  12. Man korrigiere mich hier, ich habe keinen Fernseher- aber ist es nicht so, dass die ziemlich dunkelhaarige Giselle in der Sendung als ‘boeser’ und ‘unberechenbarer’ Counterpart zu irgendwelchen blonden Models (Gina-Lisa?) fungiert, dass all das ein halbbewusstes, unterschwellig rassistisches Konstrukt ist, so wie ja die meisten, sicherlich nicht alle, vorwiegend die billigen, Hollywood-Filme den Boesen als dunkelhaarig, den Guten als Blond besetzen? Der Witz an alldem ist ja, dass dieser Bonus, der Blonden in Europa etc. entgegengebracht wird, dazu fuehrt, dass es, meine Erfahrung, und das ist kein Biologismus, beliebig viele hirnrissige Menschen unter Blonden gibt, nicht nur unter den Frauen, um dieses Klischee zu bemuehen: wer blond ist, kann sich Duemmlichkeiten leisten, die man dem/der dunkelhaarigen niemals durchgehen liesse.

    Bezeichnend im uebrigen, dass Heidi Klum ob ihres schwarzen Gatten hiervon nichts bemerkt, diese Art von Rassismus (oder Lookismus) ist so tief eingeschliffen (siehe jedes beliebige Disney-Erzeugnis), dass sie einfach eine Tautologie zu sein scheint.

  13. aber ist es nicht so, dass die ziemlich dunkelhaarige Giselle in der Sendung als ‘boeser’ und ‘unberechenbarer’ Counterpart zu irgendwelchen blonden Models (Gina-Lisa?) fungiert, dass all das ein halbbewusstes, unterschwellig rassistisches Konstrukt ist

    Nein, so ist es nicht. Da sind noch andere braunhaarige Models dabei.

  14. empfehle ein ‘tentative reading’ dieses SZ-Artikels, wieviele Ressentiments von Deutschen gegenueber ‘Suedlaendern’ resp. Brasilianern (faul, intrigativ, launisch, unberechenbar, Drogen-affin) allein in der (Kunst)figur der Giselle verschluesselt sind, koennte nur ein Kapitel einer entsprechenden Magisterarbeit aufarbeiten

  15. Also ich würde da lieber Drogen nehmen – mit (Privat-)Fernsehen versaut man sich jegliche Glaubwürdigkeit. 😉

  16. war ein witz. man kann nie genug tv schauen.

  17. was ist denn lookismus?

    ist das negativ oder positiv?

  18. Ich habe den Begriff in dem Artikel doch sogar verlinkt, wie wäre es, wenn du dieses Angebot wahrnehmen würdest?

    😉

  19. ups. ;=) asche auf mein haupt.

    ist es typisch, dass vor allem frauen diese sich diese sendung ansehen? In meinem Umfeld ist es so. Was sagt uns das über die Täterschaft von Lookismus?

  20. Diese Sendung wird hauptsächlich von jungen Frauen geschaut. Das sagen die Zahlen, ich meine mich an eine Reichweite von mehr als 40 Prozent im Bereich der 12 – 30jährigen zu erinnern.

  21. zum glück ist gisele raus!

    http://tv-totaltube.blogspot.com/

  22. ich versteh das alles nicht, also ich meine diese sendung und wie man die “ironisch” schauen kann. mein ganzer weiblicher bekanntenkreis schaut das (ich würd die jetzt mal alle als links, emanzipiert, feminisitisch etc). ich kann das nicht sehen. ich find’s einfach zu hart. wie da mit diesen mädchen umgegangen wird, was da für werte vermittelt werden. (und ich geh dann jeden tag 8 stunden arbeiten, um das wieder ausbügeln zu sollen…uaaah). aber, wie gesagt, meine donnerstagabend sind zuletzt eher einsam geworden…jetzt wo nicht mal mehr fußball uefa-cup am donnerstag kommt.

  23. (offenbar ist diese Sendung das beste Beispiel dafuer, WIE tief Sexismus und Rassismus in unserer Gesellschaft verankert sind, es gibt sie als Hardcore-Cocktail auf der Biermeile, als Szene-surrogat in Prenzlauer Berg und als leicht weichgespueltes meta-Erlebnis fuer ‘Emanzipierte’ im post-‘harter Arbeitstag’-Modus)

  24. Ja, Andreas Klein. Und du sitzt den ganzen Tag im Internet und tust nichts.

    Germanys next Topmodel ist ein Spiegel der Gesellschaft.

    Ich schau übrigens auch Gewaltfilme.

  25. […] der vorherigen Sendung im Rückstand war, hat sich alles nach hinten verschoben. Aber über diverse Blogs habe ich Neuigkeiten über diese Sendung erhalten, die ich seit der 1. Folge durchgehend gesehen […]

  26. nun Julia, WENN du denkst ich tue nichts (uebrigens tue ich dieses nichts i.a. auf der Weise vor meinem Haus) beschaeftige ich mich in Wirklichkeit damit, den K-theoretischen Beweis des Atiyah-Singer-Indextheorems zu verstehen (nicht ganz einfach im uebrigen), herauszufinden, was Spinoren mit V.I. Arnolds Vermutung fuer Kotangentenbuendel zu haben (das weiss niemand) oder warum sich, eine kleine Aufgabe, das unitaere Rahmenbuendel ueber einer Lagrange-Immersion auf O(n) reduziert. Den Glauben, das alles sei nichts, teilst du uebrigens mit dem auslaenderfeindlichen Gaertner der Wiese auf der ich das tue.

    Dass DU Gewaltfilme schaust glaube ich dir aufs Wort, du suchst die passende Inspiration fuer deine archaischen post-‘Arbeits’-Ausgleichphantasmen.

  27. jeder kann gern nachlesen, womit ich mich im Moment im wesentl. beschaeftige, Korrekturhinweise erwuenscht.

  28. Germanys next Topmodel ist ein Spiegel der Gesellschaft.

    Leider auch umgekehrt…
    “Life imitates bad television” (Woody Allen)

    Ich finde es ebenfalls haarsträubend, wer und wie viele sich sowas anschauen. Da braucht man sich über manches nicht zu wundern.

  29. Passt zwar nicht zur Model-Biz-Drogenproblematik, die m.E. auch mit der übergroßen Arbeitgebermacht und folglichen Ent-Persönlichung der Models zusammenhängt, aber ich finde Kortmanns Text zu GnTm lesenswert.

  30. Passt zwar nicht zur Model-Biz-Drogenproblematik

    Es gibt kein Drogenproblem, sondern ein Prohibitionsproblem.

  31. Verstehe. Suchtstoffe sind auch keine Suchtstoffe – und gegen die persönliche Freiheit gerichtet.

    Ich denke, dass eine Entkriminalisierung und Professionalisierung in der Drogenpolitik überfällig ist, überdies kann man darüber nachdenken, ob bei Nicht-Suchtstoffen (bzw. nur schwachen Suchtstoffen) – fallweise – eine vollständige Legalisierung in Frage kommt. Bevor man dies aber mit lauten Konsumjubel begrüßt, sollte man einige Gedanken darauf verwenden, warum im Fall von Arzneimitteln die Frage der Nebenwirkungen erheblich ist, eine leichtfertige Handhabung schädlicher Medikamente seitens von Ärzten und Pharmafirmen als bekämpfenswert gilt, während die Legalisierungsromantiker in der Drogenpolitik wirklich alles (!) freigeben wollen, als handele es sich dabei um prickelnde Fruchtbonbons.

    Johannes, hast du dich schon mal mit Eltern von drogenkranken Jugendlichen/Kindern unterhalten?

    Alles “frei” geben und weg ist das Problem?

  32. Nein, “das Problem” ist dann nicht weg. DIE Lösung des Drogenproblems haben bloß solche Leute.

    Aber wir hätten keine 1500 Drogenpolitiktote jährlich mehr, könnten offen und ehrlich über Drogenkonsum und Drogenprobleme reden, Millionen müssten den Staat nicht mehr als ihren Feind weil Strafverfolger sehen, wir könnten Milliarden € in soziale Projekte investieren und damit wirklich gegen die Ursachen von Drogenmißbrauch vorgehen, wenn wir sie nicht weiterhin für Verfolgung und Wegsperren von Drogenkonsumentinnen verschwenden würden, niemand würde mehr aufgrund von qualitativ schlechten und undosierbaren Drogen unnötige Schäden erleiden und selbst die BZgA bedauert dass sie weil es in Deutschland keine Hanfläden gibt, keine zielgerichtete Präventionsarbeit leisten kann…

  33. warum sprichst du mich an, dr. dean? aber hab ich. bin von beruf kinder- und jugendpsychotherapeut. hab also schon mehr als einmal mit dem thema zu tun gehabt. mit magersüchtigen mädels noch viel öfter.

  34. > Johannes, hast du dich schon mal mit Eltern von drogenkranken Jugendlichen/Kindern unterhalten?

    Ich bin zwar immer noch nicht Johannes, aber Dr. Dean, kennst du den Bundesverband der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit e.V? Schau dir mal dessen Forderungen an …

  35. Suchtstoffe sind auch keine Suchtstoffe – und gegen die persönliche Freiheit gerichtet.

    Das Konzept von “Sucht” und “Abhängigkeit” ist als solches gegen die persönliche Freiheit gerichtet. Man spricht Menschen den freien Willen ab, um sie besser beherrschen zu können.
    Versuch dich doch mal an einer allgemeingültigen Definition von “Sucht”.

    warum im Fall von Arzneimitteln die Frage der Nebenwirkungen erheblich ist, eine leichtfertige Handhabung schädlicher Medikamente seitens von Ärzten und Pharmafirmen als bekämpfenswert gilt,

    Diese Ungleichbehandlung ist vernünftig, denn:
    – Medikamente werden oft verschrieben und ihr Konsum insofern keine reine Selbstentscheidung wie beim Wein, Tabak, Cannabis oder Zauberpilz.
    – Im solidarischen Gesundheitssystem werden quasi-öffentliche Gelder dafür ausgegeben.
    – Es werden herstellerseitig Behauptungen über spezifischen gesundheitlichen Nutzen damit verknüpft.

    Legalisierungsromantiker

    Hier geht es nicht um Romantik, sondern um klare Kante. Schluss mit dem steuergelderverschwenden, kriminalitäts- und elendverursachendem War on Drugs.

    wirklich alles (!) freigeben wollen, als handele es sich dabei um prickelnde Fruchtbonbons.

    In einer freiheitlichen Gesellschaft sind nicht nur Fruchtbonbons erlaubt. Wobei in einer Prohibitions- und Public-Health-Gesellschaft auch Fruchtbonbons auf dem Künast-Prüfstand stehen.

    hast du dich schon mal mit Eltern von drogenkranken Jugendlichen/Kindern unterhalten?

    Auf welche Krankheitssymptome beziehst du dich? Wahrscheinlich meinst du prohibitionskranke Menschen.

  36. Abgesehen davon, dass diese Aufgabe (Prominente bestrafen) überhaupt nichts mit dem Gebiet der Drogenkontrollbehörde zu tun hat [und es auch keinerlei sachliche Belege darüber gibt, dass Prominente anders bestraft werden als der Rest der Bevölkerung – im Studio habe ich dazu Hamed Ghodse vom INCB befragt] gibt es deutlich besorgniserregendere Dinge.

    Folgender exzellenter Bericht von Aljazeera, auf YouTube veröffentlicht, behandelt Thailands Krieg gegen die Drogen im Jahre 2004 ( http://www.hrw.org/campaigns/aids/2004/thai.htm ) in dem über 2000 Personen von der Polizei exekutiert worden sind und der Wiederholung dieser mörderischen Politik durch die neue Regierung und Premierminister Samak Sundarave:

    http://www.youtube.com/watch?v=hNrfe3uCkcU

    PM: Wir müssen es machen… wir haben einen Krieg gegen die Drogen (”We must do… we have a war on drug.”)
    Q: Sind Sie besorgt über die unschuldigen Opfer? (”Are you worried about the innocent victims?”)
    PM: …was meinen Sie mit unschuldigen Opfern? (”…what do you mean by innocent victim?”)

    Die Beweise für diesen Horror liegen klar auf der Hand, die Drogenkontrollbehörde INCB jedoch, auch wenn sie einige willkommene Rhetorik über Menschenrechte und Proportionalität in den neuen Berichten äussert, war eindeutig bislang fast komplett blind diese Gewalttaten der letzten vier Jahre gegenueber. Das lässt die Gespräche über die Menschenrechte direkt ausgehöhlt klingen.

    In den Pressepacks für den neuen jährlichen Bericht wird Thailand lediglich einmal erwähnt – mit einer Randnotiz über die Cannabiskultivierung. Drogen gebrauchende Prominente werden als Top-Priorität in der Eröffnung behandelt und führen überproportional die Diskussion und Pressemedien an – die Todesstrafe wird nicht erwähnt. Unüberraschend werden die Headlines in den Medien mit dieser völlig irrelevanten Unstory gefüllt, die eigentlich mehr dem Niveau der Klatschpresse entspricht als dem der Vereinten Nationen.

    Kate Moss oder Tausende aussergerichtliche Polizeiexekutionen. Was, denkst du, ist wichtiger?

  37. @ Johannes
    Fehler meinerseits. Es waren wohl die Drogen (Melantonin macht müde) bei mir, sollte an Christoph gehen. Der hat dann auch geantwortet, danke dafür an (jetzt babbichs!) Christoph.

    In der Sache könnte ich kaum weiter weg von seiner “klaren Kante” liegen. Wenig schön, er definiert sich Suchterkrankungen komplett weg bzw. behauptet (wenig sachgemäß), Suchterkrankungen auf keinen Fall an den Suchtstoffen liegen könnten. Denn die heißen nur so, machen aber garnicht süchtig. Um dieser absurden Position noch eins drauf zu setzen, sagt er, dass derjenige, der etwas anderes behauptet, “Menschen den freien Willen ab“spräche, deshalb, weil sie diese Suchtstoffe ja gar kein Problem seien und es nur darum geht, diese Stoffe “besser beherrschen zu können“.

    Voller Konsumspaß auf der ganzen Linie.

  38. falsch zitiert. die menschen sollen “besser beherrscht werden können”, sagt christoph.

    so absurd wie du meinst, ist es übrigens nicht (sowohl aus therapeutischer als auch aus wissenschaftlicher sicht), suchterkrankungen von den stoffen zu abstrahieren. abhängig kann man darüber hinaus von so ziemlich allem werden, z.b. von glücksspiel oder von sex. das ist dann auch kein spaß. zumindest sex soll aber deswegen nicht verboten werden.
    was ich sagen will, man kann alles, was kickt, mißbrauchen.

    ich wage eine definition von sucht im allgemeinen: ich bin süchtig, wenn ich nicht anders kann als das suchtverhalten zu praktizieren, auch wenn ich weiß, dass es mir nicht gut tut und was anderes angesagt wäre.

  39. Es geht ja nicht nur ums kicken.

    Der Punkt ist, dass ein erheblicher Teil dieses Suchtverhaltens auf den Suchtstoff zurückzuführen ist. Teils auf Basis psychischer Effekte (u.a. “kicken”), teils auf Basis echter Abhängigkeiten, z.B. umgebauten Rezeptoren (ist u.a. im Fall der Nikotinsucht bekannt) oder auf Basis von Mechanismen, die noch nicht genau bekannt sind.

    Die Konzentration auf die (im Idealfall steuerbare) Verhaltenskomponente ist zwar ein richtiger Ansatz für die Therapie, zumal ja richtig ist, dass es über die “Suchtstoff-Problematik” eine Reihe zusätzlicher Faktoren gibt, sowohl für das Zustandekommen einer Suchterkrankung, als auch für ihren Verlauf. Individuelle, familiäre, gesellschaftliche usw.

    Doch so richtig der Verweis auf diese Zusammenhänge ist, damit wird das suchtauslösende Moment der jeweiligen Drogen noch nicht unbedingt richtig bewertet.

    Nehmen wir einen krassen Fall: Crack. Ein normaler, psychisch völlig gesunder Erwachsener wird nach einigen Dutzend Konsumerlebnissen schwer suchtkrank sein. Also kann man sagen, dass Crack chyce ist und die individuelle Wahlfreiheit des Individuums angreift. Andere Stoffe haben ein geringeres Suchtpotential, und man mag sich meinetwegen darüber streiten, ab welcher “Potentialhöhe” ein Suchtstoff, vom Standpunkt der Abhängigmachung, gesellschaftlich akzeptabel ist. Aber in diesem Zusammenhang gleich zu sagen, dass es auch im Zusammenhang mit Fernsehen Suchtverhalten gibt, das halte ich für nicht ganz sachdienlich, wenn es darum geht, das Gefährdungspotential von Suchtstoffen zu beschreiben.

    Die meisten Suchtstoffe sind in Bezug auf ihr Abhängigkeitspotential deutlich gefährlicher als Fernsehen oder Sex.

    Insofern besteht hier bereits ein Unterschied. Es mag ja sein, dass eine sehr indivduelle oder sogar kranke Person z.B. von Sex oder bestimmten Sexpraktiken abhängig sein kann, aber die Wahrscheinlichkeit bzw. das Abhängigkeitspotential ist im Vergleich z.B. zu Morphium deutlich anders. Von einem verhassten Sexpartner wird ein duchschnittlicher Mensch wegkommmen, bei einer psychisch-körperlichen Abhängigkeit von einem Suchtstoff hat er es deutlich schwerer.

    Die gesetzliche Definition von Suchtstoffen (bzw. recht überholt: “Betäubungsmitteln”) finde ich unangemessen und sie berücksichtigt zu wenig den Unterschied zwischen “harten Drogen” und “weichen Drogen”, und bietet hier weder eine vernünftige Abgrenzung noch eine hinreichend genaue Definition dahingehend, a) wie stark schädigend ein Suchtstoff bzw. eine Droge ist und b) wie stark und häufig die vom Suchtstoff ausgehende Abhängigkeit ist.

    Es ist vielleicht auch nicht ganz einfach, einmal gibt es zu allen Überfluss auch noch individuelle Unterschiede, denn die chemische Wirkung, sogar der körperliche Abhängigkeit verursachende Effekt kann sich bei verschiedenen Individuen sehr unterschiedlich darstellen (auch: je nach Suchtstoff). Im extremen Fall kann beispielsweise über 40 Jahre hinweg von einer Person ein wirklich verantwortlicher Umgang mit Heroin bestehen, während eine andere Person bereits von Hasch & Co schwer abhängig ist und sogar mittelschwere geistige Schädigungen erlitten hat.

    Es ist insofern eine ständige Abwägungsarbeit notwendig, und als Voraussetzung einer verantwortlichen Abwägung empfiehlt sich m.E. die Fähigkeit, das Suchtgeschehen vorurteilsfrei (schon schwer genug) und von verschiedenen Blickwinkeln aus zu betrachten.

    Mit Drogen-Konsumspaß-Propaganda und Lügen über die angebliche generelle Harmlosigkeit von Suchtstoffen kommt man da jedenfalls schwerlich zu einer ernst zu nehmenden Position. Ich finde es außerdem nicht ganz fair gegenüber den Suchterkrankten und deren Angehörigen/Freunden, wenn man die Suchterkrankung reinweg als “individuelles Problem” ansieht, wie das die Vertreter der Drogen-Konsumspaß-Fraktion so gerne tun. Das passt zwar wunderbar in einen neoliberalen Zeitgeist (Eigenverantwortungsgefasel u.a.), aber es wird den Menschen nicht gerecht und nicht dem – jeweils pro Stoff unterschiedlichen – Gefahrenpotential.

    Diese Gefahren nicht zu sehen oder gar aus Propagandagründen zu verleugnen, halte ich für: schlecht. Umgekehrt ist auch die Verböserung von Drogenkonsum und die übertriebene Kriminalisierung von Drogen durch konservative Hysteriker wenig zweckdienlich und verschlimmert die mit Suchtstoffen verbundenen gesellschaftlichen und individuellen Problematiken.

    Verantwortliche Drogenpolitik muss ausgleichen, sich stark an der Vernunft orientieren und sollte stets mehr sein als ein abwehrender Reflex auf Deppen, z.B. konservativ-militante Regierungen mit ihren populistisch-schwachsinnigen Kriegen “gegen Drogen”.

  40. teils auf Basis echter Abhängigkeiten

  41. teils auf Basis echter Abhängigkeiten

  42. die unterscheidung zwischen psychicher abhängigkeit und “echter” abhängigkeit (die kfrüher mal körperliche abhängigikeit), ist eher theoretischer natur…vielleicht ähnlich dem leib-seele-problem.
    natürlich gibt es stoffe, die mehr suchtpotential haben als andere. na und? genau das wäre die aufgabe einer verantwortungsvollen drogenpolitik: nämlich darüber aufklären, wie was und in welcher dosierung wirkt. welche gefahren bestehen usw. das hat doch nichts mit konsumspaßromantik zu tun, sehr wohl aber mit legalisierung.
    wie du richtig sagst, gibt es eine ganze menge gesellschaftlicher, familiärer und anderer einflussfaktoren, warum jmd. sich entschließt irgendwas zu nehmen. zu einer erweiterten drogenpolitk gehört also eine ordentliche sozialpolitik.
    und natürlich hilfe für die menschen UND deren angehörigen, die vom gebrauch zum mißbrauch gerutscht sind.

  43. Im Interesse der Betroffenen und im Interesse der Gesellschaft: Ab einem bestimmten Gefährdungspotential muss der Zugang zu Suchtstoffen gehemmt oder verboten werden bzw. auf geeeignete Weise die Verfügbarkeit der Suchtstoffe reduziert werden.

    Natürlich kann das nur einen Teil einer sinnvollen Drogenpolitik darstellen. Stoffe wie THC rechtfertigen m.E. unter dem Aspekt des Abhängigkeitspotentials kein Verbot, und noch weniger eine umfassende staatliche Repression.

  44. ab welchem gefährdungspotential? woran sollte sich das festmachen?

  45. Im Interesse der Betroffenen ? Wohl kaum.
    Im Interesse der Gesellschaft ? Der Volksgesundheit ?

  46. ich überlege auch schon, was das sein könnte. es gibt ja bestimmte medikamente, die erstens großes suchtpotential haben und zweitens auch in hohen dosen genommen tödlich sind. wir verschreiben sie trotzdem. in dem fall wäre der zugang zu den stoffen restriktiert. hilft aber auch nicht.

  47. (hat jetzt einer mein paper gelesen)

  48. Aha: Dass Suchtstoffe schädigen können und abhängig machen, ist also unerheblich. Warum argumentiert ihr nicht einfach gleich konsequent? Fordert doch gleich die Aufhebung aller Stoffe, Medikamente, Toxine usw. Apothekenpflicht? Hinfort damit!

    Welches Recht kann es geben, die Bürger mit Verboten und Regulationen zu gängeln? Die Volksgesundheit? Das Interesse der Betroffenen?

    Und die Experten antworten:

    “Wohl kaum.”

    Ich fände es komplett irre, aber gut: Wenn ihr das so toll findet, dürft ihr sowas natürlich fordern. Und ihr dürft natürlich jederzeit behaupten, dass man das Gefährdungspotential von Stoffen generell nicht beurteilen könne.

    Wenn es in euren Kram passt.

  49. was schreibst du da?
    ich hab dich gefragt, an was du das gefährdungspotential festmachen würdest?
    wer ist “ihr”?
    natürlich können “suchtstoffe” schädigen und abhängig machen, das ist doch gar nicht das thema, oder? sondern: helfen verbote und wenn ja für was? wie gesagt, wir haben auch eine riesige anzahl an medikamentenabhängigen und da ist der zugang über ärzte geregelt. also, ich wollte damit ein beispiel bringen, wie schwierig es ist mit verboten oder zugangsbeschränkungen sucht einzudämmen.

  50. (die Frage ist wohl vor allem, ob die Freigabe von harten Drogen fuer alle die zu erwartende Anzahl von Holzklotzwuerfen von Autobahnbruecken eigentlich erhoert oder erniedrigt, falls hier einer ein Modell hat, immer heraus damit)

  51. wer ist “ihr”?

    Das wäre dann wohl Ich. Ich bin jetzt offenbar Experte.

    @Dr.Dean: Spar dir den Spott, beantworte lieber die Fragen.

  52. er definiert sich Suchterkrankungen komplett weg bzw. behauptet (wenig sachgemäß), Suchterkrankungen auf keinen Fall an den Suchtstoffen liegen könnten. Denn die heißen nur so, machen aber garnicht süchtig.

    Nein, mein Punkt war und ist ein anderer: “Suchterkrankungen” gibt es nicht, schon alleine deshalb, weil keine Krankheit mit Symptomen vorliegt.

    Johannes versucht, Sucht zu definieren.

    ich bin süchtig, wenn ich nicht anders kann als das suchtverhalten zu praktizieren, auch wenn ich weiß, dass es mir nicht gut tut und was anderes angesagt wäre.

    1. Man könnte immer anders, wenn man wollte. Man kann sich alles abgewöhnen, selbst das Leben. “Addiction is a choice”, so ein Buchtitel von Jeffrey A. Schaler.

    2. Man hat bei manchem, was man tut, Zweifel, ob es ‘gut’ für einen ist, diese Frage lässt sich nicht immer eindeutig beantworten. Und was “angesagt” ist, muss nicht die individuelle Entscheidung bestimmen.

    3. Es sind ganz viele andere Suchtdefinitionen auf dem Markt. Wievielen muss man entsprechen, um als “süchtig” zu gelten?

    Es ist insofern eine ständige Abwägungsarbeit notwendig

    Genau. Individuen wägen ihre Entscheidungen ab. Nur über ihre Köpfe hinweg irgendwas abzuwägen und ihnen aufzuoktroyieren, führt zu nichts Gutem.

    Diese Gefahren nicht zu sehen oder gar aus Propagandagründen zu verleugnen, halte ich für: schlecht.

    Die Entscheidungen, die ein Individuum für sein Leben trifft, sind immer “gefährlich” und mit irgendwelchen statistischen Risiken verbunden.
    Kinderkriegen ist ein Armutsrisiko (hier entstehen auch viele “Abhängigkeiten”), von Berufs- und PartnerInnenwahl will ich gar nicht reden, und wenn ich gleich aufs Fahrrad steige, kann es sein, dass ich in einen Unfall verwickelt werde.

    Entscheidend ist: Die Suppe, die der einzelne auszulöffeln hat, darf er sich bitte schön selbst kochen.

    Im Interesse der Betroffenen ? Wohl kaum.
    Im Interesse der Gesellschaft ? Der Volksgesundheit ?

    Sehr gut auf den Punkt gebracht. Die Volksgesundheits-, Präventions- und Null-Risiko- bzw. Null-Toleranz-Ideologie ist das größte Problem.

  53. “auf dem markt” sind tatsächlich eine reihe von definitionen. das war sozusagen meine arbeitshypothese. in der klinik muss ich aber mit einer anderen definition arbeiten, nämlich der aus dem icd-10. es gibt also sozusagen entgegen landläufiger meinung eine “objektive” aussage darüber, ab wann jmd. als süchtig zu diagnostizieren ist. ob ich das gut finde, ist wieder was anderes.
    “addiction is a choice” ist auch, obwohl es grammatikalisch so klingt, keine tatsache, sondern eine hypothese. statt wahl würde ich eher sagen: “ein subjektiv sinnvoller weg, ein problem zu lösen”.

  54. Sagt ICD-10 auch etwas über das Verhältnis von Religion und Wahn aus ?

  55. “religiösen wahn” gibt’s als diagnose (f. 22). das ist aber nicht das, wovon z.b. dawkins spricht, wenn er sagt, religion sei eine wahnvorstellung.
    icd-10 ist ja so was wie weltweiter konsens :-)