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GNU FDL, Creative Commons und Wikipedia

Posted on 19 August 2008 by admin

Über die GNU FDL und deren Zukunft bei Wikipedia, die möglicherweise bevorstehende Migration der Wikipedia zu Creative Commons und über Lizenzverletzungen durch AFP und Brockhaus sprach ich mit Mathias Schindler von Wikimedia Deutschland.

Zeichner: WP-Nutzer Neitram, Lizenz: GNU FDL

Zeichner: Neitram, Lizenz: GNU FDL

Julia Seeliger: Hallo Mathias Schindler, schön dass du dir für mich Zeit genommen hast. Verwendet Wikipedia von Anfang an die GNU FDL?

Mathias Schindler: Wikipedia nutzt - meines Wissens, ich war ja am Anfang noch nicht dabei - seit seinem Start die GFDL

Julia Seeliger: Wieso hat man sich denn für genau diese Lizenz entschieden und nicht - zum Beispiel - eine eigene Wikipedia-Lizenz erschaffen?

Mathias Schindler: Wenn ich die Geschichte richtig erzählt bekommen habe, dann war die GFDL damals eine der ganz wenigen Freien Lizenzen für Text. Jimmy Wales reagierte damals auf das Stallman-Essay zur Schaffung einer GNUpedia und wollte die Inhalte kompatibel zu dieser halten. Letztlich wurde aus der GNUpedia nie etwas, die GFDL ist dann so ein Überbleibsel.

Julia Seeliger: Gibt es aktuell Diskussionen, langfristig eine andere Lizenz für Wikipedia zu benutzen?

Mathias Schindler: Ja, viele wollen entweder direkt nach CC-BY-SA migrieren oder zumindest die beidseitige Weiterverwendbarkeit dieser wesensgleichen Lizenzen ermöglichen.

Julia Seeliger: Ist die GNU FDL denn auch wirklich mit CC-BY-SA kompatibel? Können alle Artikel problemlos nachlizensiert werden?

Mathias Schindler: Derzeit nein. Creative Commons und Free Software Foundation reden aber über ein Update der Lizenz. Wie gesagt, von ihrem Wesen wollen beide Lizenzen das gleiche, noch sind sie aber nicht kompatibel.

Julia Seeliger: Was wäre der Vorteil einer Creative Commons Lizenz im Vergleich zur GNU FDL?

Mathias Schindler: Zumindest Wikipedia erlaubt derzeit noch keinen Import von CC-BY-SA-Texten nach Wikipedia und damit nach GFDL, da wir derzeit noch an keiner Stelle Platz haben für den Hinweis auf die Lizenztexte. CC-BY (ohne SA) wäre denkbar. Im Allgemeinen ist die CC-Lizenz handlicher, praktikabler und dank der technischen Unterstützung auch bequemer. Einige Klauseln der GFDL zeigen, dass es niemals um kollaborativ erstellte Texte wie Wikipedia ging.

Julia Seeliger: Ah - CC-BY und die GNU FDL sind schon jetzt kompatibel?

Mathias Schindler: Ein CC-BY-lizenzierter Text kann ja modifiziert werden und unter modifizierten Lizenzbestimmungen verbreitet werden, das wäre dann mit GFDL möglich. In beiden ist die Nennung der Urheber ja vorgesehen. Konkrete Aussagen kann nur ein Jurist treffen.

Julia Seeliger: Wie funktioniert das denn eigentlich in der Wikipedia mit der Nennung des Urhebers? Da gibt es ja fast immer nicht nur “einen Urheber”, sondern ganz viele?

Mathias Schindler: Jupp. Die Namen der Mitautoren werden Wikipedia über die Reiterkarte “Versionen/Autoren” genannt - zusammen mit der Versionsgeschichte.

Julia Seeliger: Was sind beim Update der GNU FDL - deiner Vermutung nach - für Änderungen zu erwarten?

Mathias Schindler: Ich bin kein Prophet, aber in der Konsequenz erhoffe ich mir nur eines: Einen legalen Weg, damit Wikipedia mittelfristig nach CC-BY-SA migriert.

Julia Seeliger: Ist es also nur eine Frage der Zeit, oder gibt es auch handfesten Streit?

Mathias Schindler: Mir sind keine inhaltlichen Argumente bekannt.

Julia Seeliger: Was bedeutet das für die GNU FDL? Wer benutzt die dann noch, wenn Wikipedia “aussteigt” ?

Mathias Schindler: Meines Wissens gibt es außer Wikipedia keine größeren Projekte, die es nutzen. Vielleicht ein wenig Softwaredokumentation bei GNU-Softwarepaketen.

Julia Seeliger: Klar. Dafür ist sie ja gemacht - oder?

Mathias Schindler: ja, und da funktioniert sie meines Erachtens auch.

Julia Seeliger: Jetzt habe ich von dir erfahren, dass die GNU FDL bei Wikipedia eigentlich nur eine Art “Notlösung” war und dass man in Zukunft auf Creative Commons setzen möchte. Wie funktioniert die Diskussion um die Lizenzen bei Wikipedia praktisch? Habt ihr einen so etwas wie einen “Lizenzbeauftragten”, der mit der Free Software Foundation verhandelt?

Mathias Schindler: Die Wikimedia Foundation verhandelt ein wenig mit, primär ist das aber ein Dialog zwischen Free Software Foundation und Creative Commons. Die Frage nach einem Umstieg stellt sich erst, wenn die Lizenzen geupdated wurden.

Julia Seeliger: Wird sich etwas für die Nutzer ändern, wenn ihr von der GNU FDL auf CC-BY-SA umsteigen werdet?

Mathias Schindler: Für die Autoren wird sich nichts ändern. Für Nutzer im Sinne der Wikipedia-Weiternutzung wird es hoffentlich einfacher: Weil er dann aus einem lesbaren Dokument verständlich ableiten kann, wie er die Inhalte lizenzkonform nutzen kann und zwar in einer realistischen Weise. Druckt man beispielsweise eine Infobox aus Wikipedia aus, so bekommt man hierzu nicht mehr den zweiseitigen Anhang mit der GFDL - stattdessen ein lediglich einen kleinen Lizenzvermerk und eine URL.

Julia Seeliger: Wann ist das in etwa zu erwarten - auch wenn du “kein Prophet” bist?

Mathias Schindler: Vielleicht sogar noch vor 2010 :)

Julia Seeliger: Wie ist das mit der Weiterverwendung von Texten aus der Wikipedia? Ändert sich da etwas?

Mathias Schindler: Bisher ist es rechlich (unter Einhaltung der Lizenzbedingungen) erlaubt, daran wird sich nichts ändern. Ich hoffe, es wird aber einfacher.

Julia Seeliger: Warum gerade CC-BY-SA ?

(19:13:41) Mathias Schindler: BY für die Namensnennung der Autoren, SA für die Virale Lizenz. Jedoch keine -NC-Klausel, da unsere Inhalte auch kommerziell genutzt werden sollen, und keine -NC-Klausel, da unsere Inhalte auch geändert werden können dürfen sollen.

Julia Seeliger: Ist denn eine kommerzielle Nutzung der Wikipedia schon mal vorgekommen?

Mathias Schindler: Die Inhalte der Wikipedia können kommerziell genutzt werden. Dazu zählt unter anderem die DVD von Directmedia Publishing, die zwar auch kostenlos über Peer2Peer-Netzwerke erhältlich ist, aber eben auch im Buchladen verkauft wird.

Julia Seeliger: Warum, meinst du, kaufen sich Leute diese DVD? Was ist der Mehrwert im Vergleich zur Wikipedia im Netz?

Mathias Schindler: Die Software der Digitalen Bibliothek ist richtig nett fürs Offline-Lesen und zum Recherchieren, gerne auch kombiniert mit den anderen Titeln aus der Digitalen Bibliothek zusammen. Man berücksichtige, dass es damals noch nicht flächendeckend Flatrates gab. Ein winziger Nebeneffekt war, dass die Inhalte etwas “stabiler” waren - für viele wäre das ja üblicherweise ein Nachteil.

Julia Seeliger: Da hat also jemand eine Momentaufnahme der Wikipedia gemacht und verkauft die jetzt im Buchhandel - wer macht so etwas?

Mathias Schindler: Der Berliner Verlag Directmedia Publishing ist Herausgeber von CD-ROMs und DVDs mit großen Textmengen, alte Lexika, die gesammelten Werke aus einigen Jahrhunderten deutschsprachiger Literatur, Bildersammlungen - und in ihrem Sortiment fehlte ihnen noch ein aktuelles allgemeines Nachschlagewerk. Außerdem fanden sie Wikipedia prima und zudem die Idee von Open Source prima.

Julia Seeliger: Hm. Und gab es eigentlich bei euch schon gravierende Fälle von Lizenzverletzungen? Also dass - zum Beispiel - Journalisten oder andere, die mal schnell einen Text oder ein Bild brauchten, das genommen haben, ohne die Lizenzbedigungen einzuhalten?

Mathias Schindler: Ach, das gibt es immer wieder - inzwischen haben wir bei den meisten Redaktionen auch schon einen netten Ansprechpartner, wenn mal wieder was schiefgegangen ist. Das unfreundlichste Beispiel war der deutschsprachige Dienst der französischen Agentur AFP. Ein Redakteur hatte über den Ticker einen Hintergrundartikel zur Religionsgruppe der Amischen angekündigt, als es dort gerade eine Schiesserei in einer Schule gegeben hat. Der hat dann am Ende - wohl aus Zeitmangel - Wikipedia fast eins zu eins kopiert. AFP hat dann einige Zeit uns hingehalten und hat sich geweigert, den Schaden zu beheben. Am Ende haben sie dann lieber den Artikel zurückgezogen anstatt dafür zu sorgen, dass die AFP-Kunden den Text mit Vermerk lizenzkonform hätten nutzen können. Damit sind sie moralisch knapp eine Stufe oberhalb von Brockhaus, die mal den Text zu Papst Ratzinger geklaut haben. Sowohl von AFP als auch von Brockhaus kam zumindest gegenüber den Autoren nie ein Wort des Bedauerns.

Julia Seeliger: Wie bekommt ihr das mit den Lizenzverletzungen mit? Zufällig?

Mathias Schindler: Ja, oder wir werden von Lesern darauf hingewiesen - das ist im Grunde ja auch nichts anderes als Zufall. Es gibt umgekehrt ein paar Bots, die neu eingestellte Wikipedia-Artikel durchforsten und schauen, ob es ihrerseits geklaute Texte sind.

Julia Seeliger: Weil ihr nicht wegen Urheberrechtsverletzungen verklagt werden wollt, schon klar. Was hätte AFP denn eigentlich tun müssen, um den Text über die Amishen lizenzkonform verwenden zu können?

Mathias Schindler: Es gibt in Wikipedia eine Handreichung zur lizenzkonformen Nutzung. Dort werden Beispielformulierungen genannt. Der Link ist am Ende jeder Seite angegeben - diesen Link hätte AFP einfach lesen müssen.

Julia Seeliger: Sieht ja nicht so aus, als wären die “klassischen Medien” offen für die Ideen Freien Wissens …

Mathias Schindler: … müssen sie gar nicht, am Ende zählt bei denen meistens so etwas wie “Reichweite” oder “Kosten”. Wenn man ihnen erklärt, dass sie Geld sparen, indem sie freie Inhalte nutzen, dann ist das einfacher als das Insistieren auf die Ziele “Freier Inhalte” im Allgemeinen - so sehr man gerne hin und wieder betont, dass “Frei” etwas anderes ist als nur Kostenfreiheit.

Julia Seeliger: Bisher kaufen sich Zeitungen und Internetseiten aber offenbar lieber teure Bilder aus Datenbanken.

Mathias Schindler: So lange sie das noch können und so lange sie glauben, dass das für sie besser ist, gerne.

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