
Thomas Jefferson
Mit den Ideen ist es wie mit einer Fackel: Wenn jemand anderes seine Fackel an meiner anzündet, dann bekommt er Licht, ohne dass meine Fackel danach weniger hell strahlen wird.
Thomas Jefferson, dritter Präsident der Vereinigten Staaten, machte mit diesen Worten seine Position zu geistigem Eigentum deutlich. Ideen könnten gar nicht “geteilt” oder gar “besessen” werden:
In dem Moment, in dem eine Idee preisgegeben wird, geht sie in den Besitz von allen über, und sie kann denjenigen, die von ihr gehört haben, nicht wieder genommen werden. Eine besondere Eigenschaft von Ideen ist es auch, dass niemand weniger von ihr besitzt, nur weil andere sie auch besitzen - ist eine Idee erst mal in der Welt und wissen Menschen von ihr, dann wissen sie von der Idee im Gesamten.
Vor fast 200 Jahren schrieb Jefferson diese Worte - und sie sind aktuell wie damals. Neu hinzugekommen sind der Computer und das Internet, die unsere Lebenswirklichkeit massiv verändert haben. Im zwanzigsten Jahrhundert waren es vor allem Pioniere der Freien Software, die wirklich neue Ideen zu Freier Kultur entwickelten.
“Free as free speech, not as free beer”

Richard Stallman
Richard Stallman, Vordenker der Freie-Software-Bewegung, beschreibt mit dieser Metapher die Idee Freien Wissens. Stallman erdachte die GPL, die heute bekannteste Lizenz für Freie Software. Die “Vier Freiheiten” garantierem jedem die uneingeschränkte Benutzung eines Programms, einen freien Blick auf den Quellcode und die Freiheit, das Programm zu “remixen”, sprich zu modifizieren. Der Clou bei der GPL ist, dass die Software-Remixe ebenfalls unter die GPL gestellt werden müssen. Kritiker der Stallmann’schen GPL bezeichnen diese deswegen als “Virus, der immer mehr Programme befällt” - Microsoft-Chef Steve Ballmer verstieg sich sogar zu der Bemerkung, das mit der GPL lizensierte freie Betriebssystem Linux sei wie ein “Krebsgeschwür”, das in Bezug auf geistiges Eigentum alles befalle, was es berühre.
Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Die Wortwahl mag Ballmers Position als Microsoft-Chef geschuldet sein, jedoch haben die GPL-Kritiker recht, wenn sie feststellen, dass es nicht möglich ist, Programme, die auf GPL-lizensiertem Programmcode aufbauen, unter eine andere, restriktivere Lizenz zu stellen. Die GPL “erzwingt Freiheit”, sie ist nicht wertfrei - in ihr schwingt vielmehr ein klares Bekenntnis zu Freiem Wissen mit.
Liberale Gegenspielerin der GPL ist die BSD-Lizenz: Sie wurde an der altehrwürdigen Berkeley-Universität erdacht und verlangt lediglich, dass der Copyright-Inhaber genannt wird, weitere Einschränkungen gibt es nicht. So ist es möglich, Software, die mit der BSD-Lizenz ausgestattet wurde, zu kopieren, mit dem Code zu arbeiten und das Ergebnis unter eine ganz andere Lizenz zu stellen. Letztlich führt das dazu, dass BSD-Code auch wieder in unfreie Software integriert werden kann, krassestes Beispiel: Sogar in Microsoft Windows - für viele Freie-Software-Aktivisten Ausbund allen Übels - wurde BSD-Code gefunden.
Im Bereich Creative Commons vergleichbar sind die Lizenzen CC-BY-SA - diese mit der GPL - und die CC-BY - diese mit der BSD-Lizenz. CC-BY-SA erzwingt die Weitergabe eines - remixten - Inhalts unter gleichen Lizenz-Bedingungen, während die CC-BY lediglich die Namensnennung verlangt. Die Lizenzen Freier Software haben die Macher von Creative Commons inspiriert, sagt Creative-Commons-Vordenker Lawrence Lessig: “Wir haben die Idee von der Free Software Foundation gestohlen,” so Lessig,
die Idee war es, Urheberrechts-Lizenzen für Künster, Autoren, Lehrer und Wissenschaftler zu machen. Wer diese Lizenzen benutzt, äußert den Wunsch, dass andere sein Werk benutzen dürfen und sollen, um kreativ darauf aufzubauen. Das Copyright gibt ja ausschließlich dem Copyright-Inhaber das Recht, Inhalte zu kopieren. Der Effekt einer Creative-Commons-Lizenz ist hoffentlich, dass allen potenziellen Nutzern deutlich gemacht wird, dass dieses ursprünglich ausschließliche Recht des Copyright-Inhabers der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt ist.
In seinem Buch “Freie Kultur” - übrigens frei im Netz verfügbar unter CC-BY-NC - postuliert Lessig eine “Cut-and-Paste-Kultur”.
Filmemacher können Filme aus Ausschnitten aus der ganzen Welt montieren. Eine außergewöhnliche Website in Schweden unterlegt Bilder von Politikern mit Musik und erzeugt damit beißende politische Kommentare. Eine Website namens Camp Chaos hat einige der schärfsten Kritiken an der Musikindustrie durch das Unterlegen von Flash! mit Musik produziert.
Jedoch
All diese Schöpfungen sind genau genommen illegal. Auch wenn deren Schöpfer „legal“ agieren wollten, wären die Kosten für die Gesetzestreue unmöglich hoch. Die Gesetzestreuen unter uns lassen also einen riesigen Teil Kreativität gar nicht erst entstehen. Und der Teil, der entsteht, wird nicht veröffentlicht, wenn er den rechtlichen Bestimmungen nicht folgt.
Ein Aspekt Freier Kultur ist der Erhalt der Öffentlichkeit von Wissen, des Zugangs zu Wissen für alle, ein weiterer ist es, die Innovationsfähigkeit von Gesellschaften zu sichern und Wissensmonopole zu verhindern. Es handelt sich bei “Freier Kultur” somit gleichermaßen um ein linkes wie um ein liberales Konzept.
Ebenfalls von Relevanz ist das konkrete Engagement für eine überwachungsfreie Gesellschaft. Anlässlich der vierten “Wizards of OS” beklagte Lessig, dass die etablierten Politiker statt einer “demokratischen Peer-2-Peer-Produktion” den Bürgern die “Read-only-Gesellschaft” mit einer “Couch-Potato-Mentalität” weiter schmackhaft machen wollten.
In der Kritik stand in den vergangenen Jahren vor allem das so genannte “Digital Rights Management” (DRM), in Aktivistenkreisen als “Digital Restrictions Management” gegeißelt. DRM verlangt - genauso wie das von Aktivisten ebenfalls harsch kritisierte “Trusted Computing” - eine Verifizierung, dass der Benutzer über die Erlaubnis verfügt, Inhalte benutzen zu dürfen. Technisch funktionieren derartige Systeme mithilfe von Verschlüsselungssystemen: Erst wenn das Programm, mit dem der Inhalt benutzt werden soll - zum Beispiel ein MP3-Player - beim Server “nachgefragt” hat, ob eine gültige Lizenz vorliegt, kann - zum Beispiel - ein Lied abgespielt werden. Weil DRM und “Trusted Computing” eindeutig feststellen, wer eine Anfrage an den Server geschickt hat, ist anonymes Surfen im Internet, ja, generell eine anonyme Benutzung digitaler Inhalte nicht mehr möglich.
Willst Du, dass die Musikindustrie weiß, wann Du im Schlafzimmer Kuschelrock hörst?
fragten Aktivisten deswegen anlässlich einer Aktion auf der internationalen Funkausstellung 2006. DRM und Kopierschutzmaßnahmen, so die DRM-Kritiker, entmündigen die Nutzer, sorgen für mehr Überwachung und könnten in totalitären Systemen gar für Zensurmaßnahmen verwendet werden. Überdies seien derartige Infrastrukturen teuer und führten dazu, dass die Preise für Musik-CDs stiegen, ohne dass die Künstler etwas davon hätten.
Inzwischen gilt DRM als gescheitert. Die Major-Labels rückten von DRM ab, nachdem sie erkannt hatten, dass die Käufer diese Technologie nicht wollen. Kleine Independent-Labels hatten schon immer auf DRM verzichtet und sich auf diesem Wege einen Wettbewerbsvorteil auf dem Musikmarkt verschafft. Ähnlich sieht es mit dem Kopierschutz aus, wenngleich auch auf einer anderen Ebene: Die Audio-CD hat in den vergangenen Jahren massiv an Beliebtheit verloren, da mit Kopierschutz versehene Medien vielfach nicht abgespielt werden konnten.
Angemerkt an dieser Stelle sei noch, dass das Umgehen von Kopierschutzmaßnahmen nach deutschem Recht strafbar ist. Allerdings ist kein Musik-Label gezwungen, mit Kopierschutz versehene CDs anzubieten. In den vergangenen Jahren sahen vor allem die großen Labels in derartigen technischen Maßnahmen eine Möglichkeit, sich vor vermeintlichen Umsatzverlusten durch Musik-Tauschbörsen - neudeutsch “Filesharing” - zu schützen. Auf die Spitze trieb es Sony mit dem so genannten “Rootkit”, einer Software, die nicht sichtbar und ungefragt auf dem Computer des Nutzers abgelegt wurde und alle zwei Sekunden die laufenden Prozesse kontrollierte, um illegale Kopien zu verhindern. Kurz und knapp: Sony brach ungefragt in private Computer ein und sorgte dafür, dass dort eine mit einem Virus vergleichbare und überdies sehr unsauber programmierte Software installiert wurde.
Im März 2006 sagte der Sprecher des Phonoverbandes, der Lobbyorganisation der Musikindustrie, Hartmut Spieseke

Banner der Aktion "Mailt dem Phonoverband"
Ich habe persönlich gesagt, jeder, der einen CD-Spieler hat, bei dem eine kopiergeschützte CD nicht läuft, der soll mir eine Mail schicken. Ich glaube, ich habe in den letzten Jahren acht Mails bekommen, die einigermaßen plausibel waren
Daraufhin starteten Blogger die Aktion “Mailt dem Phonoverband”, die zwei Monate später eingestellt wurde - nicht, weil sich niemand daran beteilgte, sondern weil Spiesecke seinen Job beim Phonoverband aufgab.
Kopierschutz und DRM widersprechen den von Stallmann und Lessig propagierten Ideen grundsätzlich. “Freie Kultur” trägt die Freiheit in sich, mit einem Inhalt anzustellen, was man möchte. Durch DRM und Kopierschutz werden ganz fundamentale Werte einer offenen Wissensgesellschaft auf den Kopf gestellt. Mit der GPL und ihrer Grundannahme “darf ohne jede Einschränkung für jeden Zweck genutzt werden” sind Kopierschutzmaßnahmen, DRM und Trusted Computing völlig unvereinbar. Aber auch mit der von Lawrence Lessig postulierten “Remix-Kultur” lassen sich diese technischen Schutzmaßnahmen für geistiges Eigentum nicht in Einklang bringen.
Bildnachweise:
Jefferson: Public Domain (Urheberrechtsschutz abgelaufen)
Stallman: exposur3 (CC-BY)










